GROSSGLOCKNER ULTRA TRAIL: HALLO ANGST, WIR MÜSSEN REDEN! HALLO MUT, KOMM GERN DAZU!

GROSSGLOCKNER ULTRA TRAIL: HALLO ANGST, WIR MÜSSEN REDEN! HALLO MUT, KOMM GERN DAZU! 3

Die zwei Seiten meiner Medaille beim Großglockner Ultra Trail 2022 – ein Erlebnisbericht von der Strecke des GGT55

Großglockner Ultra Trail – Pre Race Nerves

“Multimedia-Infrarot-Sauna, Rosenquarz-Dampf-Solebad, Laconium und Erlebnisduschgrotte” – wie magisch angezogen, folge ich den hölzernen Wegweisern ins Souterrain des Hotels Barbarahof. Der Duft nach Lavendel wird mit jeder Treppenstufe intensiver. Verstohlen blicke ich in den Ruheraum des Wellness- & SPA-Bereichs. Keiner da. Ich schlendere auf eine der weißen Gummimatratzen zu. Das Wasserbett schwappt. Es schunkelt auch weiter, als mein Körper ganz steif dort liegt – als bemühten sich die Wogen, meine Nerven zu glätten. In mein Laufoutfit gekleidet, nur die Schuhe abgestreift, starre ich an die Decke über mir.

Der Sternenhimmel wechselt im Rhythmus sanfter Ambient-Klänge von lila über blau zu ich-weiß-es nicht. Nur gelegentlich blinzel ich mit den Augen, jedes Mal wenn vom Flur her eine Tür zuknallt oder jemand vom Hotelpersonal Dinge umher schiebt. “Ich suche Klopapier” ruft eine weibliche Stimme irgendjemandem zu. Auslöser des Krachs bin ich also selbst, denn kurz zuvor hatte ich an der Rezeption um Klorollen-Nachschub für mein Zimmer gebeten – mein Magen ist so nervös wie der Rest von mir. Ommm – Entspannung, nun komm schon! Niemand vermutet mich hier unten im Keller. Die Sonne scheint und ganz Kaprun ist auf den Beinen. Es ist Großglockner Ultra Trail Rennwochenende in den Österreichischen Alpen, in der Hochgebirgsregion Hohe Tauern.

Großglockner Ultra Trail Aussicht
Copyright: Sportograf für GGUT

Großglockner Ultra Trail – eine fordernde Strecke mit meist hochalpinem Trailrunning

Dreh- und Angelpunkt des Events ist der Salzburger Platz im Zentrum Kapruns, nur etwa 200 Meter vom Hotel entfernt. In seiner Mitte wartet der stolze Start-/Ziel-Bogen auf seinen nächsten Einsatz. Bereits heute, Freitag früh um 8 Uhr, ging es für 354 Läufer*innen über den 37km langen Gletscherwelt Trail. Die Strecke habe ich noch gut in Erinnerung, weil ich sie im letzten Jahr gelaufen bin.  Trailrun Ergebnisse

Ich streiche über mein Starter-Armband, das ich bei der Ausrüstungskontrolle erhalten habe. Dieses Jahr habe ich mich für den Großglockner Trail GGT angemeldet, 57km. Zwanzig Kilometer on top und damit ein paar Stunden länger Zeit in dieser faszinierenden Bergwelt – so “lohnt” sich die elf-stündige Anreise mit der Bahn aus Hamburg zu einem Ultratrail in Österreich noch ein bisschen mehr. Doch wie oft vor einem Berglauf habe ich last minute Bammel. 

“Der Großglockner Trail (GTT 55) ist eine extreme Laufveranstaltung, zum Großteil in hochalpinem Gelände mit 2 Passagen über 2.600 bzw. 2.800m. Es sind mindestens 2 Schneefelder zu queren, bei schlechten Bedingungen auch mehr. Über weite Teile (80%) führt die Strecke über Trails, die technisch (teils sehr) anspruchsvoll sind. Schlechte Witterungsbedingungen (Kälte, Regen, Schnee) und die Nacht bilden zusätzliche Erschwernisse. Die Trails sind durchweg technisch schwierig zu laufen.

Die Hauptschwierigkeiten liegen im Anstieg/Abstieg zu den hohen Pässen: Stockerscharte (2.465m) und der Unteren Pfandlscharte (2.663m).” So wird der Charakter des Rennens auf der Website beschrieben. “Mit 3.500 positiven und 4.000 negativen Höhenmetern und vielfach technisch sehr schwierigem Terrain ist dies eine Herausforderung für jeden Trailrunner.” 

Eben diese schwierigen Kriterien machen mich neugierig und wegen ihnen suche ich solche Rennen für mich aus. Trailrunning ist meine Leidenschaft. Wie könnte ich einem einzigartigen Abenteuer auf Trails in faszinierender Landschaft am Glockner, dem höchsten Berg Österreichs, widerstehen? Ein begeistertes Kribbeln im Bauch begleitet jede Renn-Anmeldung. Doch kurz vor dem Start geht mir stets der A… so richtig auf Grundeis. 

Großglockner Ultra Trail – mit Vertrauen der Angst den Wind aus den Segeln nehmen

“Überanstrenge dich nicht, du bist keine Bergziege.” Eine gut gemeinte Bemerkung meiner stets besorgten Mama stellt meinem Selbstvertrauen ein Bein. Trotzig reagiere ich darauf erst gar nicht, denke nur “Jetzt erst recht!” Ich bin auch kein Dromedar und konnte mich bereits auf Wüsten-Ultras behaupten. Ein Rentier bin ich auch nicht und trotzdem 500km durch Schwedisch Lappland gerannt, mit Schlitten im Schlepptau. Wir Fischköppe können uns in Bergrennen beweisen, Beweise gibt’s genug. 

In der Regel spornt mich Skepsis von anderen nur noch mehr an. Und doch hallt Mamas Äußerung unterbewusst nach und ich hinterfrage ein weiteres Mal kritisch mein Vorhaben. Was alles schief gehen könnte. “Bei mir klappt das mit dem Downhill eh nicht!” “Für so alpines Gelände bin ich nicht gut genug!” Ein übler Shitstorm im Kopf. Selbstzweifel-Overload. Ob laut ausgesprochen oder nur gedacht, negative Selbstgespräche haben Einfluss darauf, wie man seine Umwelt wahrnimmt oder was man sich zutraut. Wozu diese Selbstsabotage? Warum fällt es mir so schwer, in meine eigenen Fähigkeiten zur Bewältigung solcher Herausforderungen zu vertrauen? 

Ich atme tief durch. Das wollen wir doch erst nochmal sehen. Bisher habe ich nur gute Erfahrungen in den Bergen gemacht. Auch der Veranstalter des Großglockner Ultra Trails setzt alles daran, dass die Teilnehmenden dieses Abenteuer in einem möglichst sicheren Rahmen erleben. Auf der Strecke sorgen insgesamt 400 Helfer und Helferinnen (Bergrettung, Feuerwehr, Freiwillige) für die Sicherheit und Verpflegung der Trailrunner*innen.

Also, liebe Angst, danke, dass du dich um mein Wohlergehen sorgst. Du hattest nun deine Redezeit. The mountains are calling and I must go. Um bei all der Denkerei nicht in eine Schockstarre zu verfallen, Wellengang im Wellnessraum hin oder her, schäle ich mich aus dem Wasserbett und mache mich auf zur Läufer-Party, organisiert von Dynafit unter dem Motto “I wish I could trailrun”. Herrliche Ironie. Viele, die ich dort treffe, konnten ihre Trailrunning Skills bereits unter Beweis stellen, für sie ist das hier schon die After-Race Party.

Die Gesichter der 37km-Finisher berichten müde, aber strahlend von der Strecke. Es ging nach dem Start am Enzingerboden in der Weißsee Gletscherwelt zunächst steil hinauf zur Rudolfshütte, über das technisch anspruchsvolle Kapruner Törl (2.693m) und vorbei an den Stauseen über Mooserboden nach Kaprun ins Ziel. Ein sonniger, nicht zu heißer Tag auf wunderschönen und sehr technischen Trails. Bei mir ploppten tagsüber schon beim Anfeuern Erinnerungen aus dem letzten Jahr auf. Die Strecke ist einfach ein Traum!

Beflügelt von den Gesprächen, mit Adrenalin im Blut und unzähligen Kohlenhydraten im Bauch, mache ich mich auf den Heimweg zum Barbarahof. Es regnet und in der Ferne zucken Blitze. Das angekündigte Gewitter zieht auf – als käme es vorbei, um den Startschuss für den 110km Hauptlauf GGUT um 22 Uhr zu geben. Ich bin froh, dass ich mich nur für die zweite Hälfte der anspruchsvollen Strecke entschieden habe. 

Nachts im Hotelzimmer bereite ich, noch aufgedreht und unausgelastet von einem wenig aktiven Tag, mein Frühstück vor – und blicke erneut auf die Marschtabelle. Wie oft schon habe ich im Vorfeld anhand des Höhenprofils und der angegebenen Zeitlimits versucht, mich in die einzelnen Streckenabschnitte hineinzuversetzen, googelte nach Bildern der angegebenen Gipfel und hab’ Freunde befragt. Wo geht es besonders steil und technisch fordernd bergab? Wie verblockt ist das Gelände, gibt es ausgesetzte Stellen? Seilsicherungen? Ich möchte möglichst gut vorbereitet und für alle Eventualitäten und Gefahren (die sich die Angst gerne ausmalt) gewappnet sein und meiner Höhenangst ein Schnippchen schlagen. 

1.412 Läuferinnen und Läufer aus 41 Nationen werden an diesem Wettkampf-Wochenende auf fünf technisch anspruchsvollen Distanzen unterwegs sein. Manche andere mögen aus einem größeren Erfahrungsschatz schöpfen, als Hamburgerin habe ich nicht täglich Gelegenheit, in dieses Gelände einzutauchen und zu üben, doch ich kann auch auf gutes Rüstzeug vertrauen. Und so siegt die Vorfreude über die Unsicherheit. Meine Sohlen haben Grip und ich hab’ Bock. Ab ins Bett, morgen ist Großglockner Ultra Trail Race Day!

Großglockner Ultra Trail – 6,5,4,3,2,1, Go! 

Wie viel Schlaf kann man kriegen, wenn der Wecker nachts um kurz nach 2 Uhr klingeln wird, da der Shuttlebus zum Start um 3:30 Uhr fährt? Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich wohl irgendwann weggenickt und wache beim Weckerklingeln schweißgebadet auf. Dusche, Frühstück, ein letzter Ausrüstungscheck, routiniertes Abspulen einiger Mobilitätsübungen, dann Wechselbeutel gegriffen und los!

Ich schlängle mich das dunkle Treppenhaus hinunter. Nur das Surren der elektrischen Eingangstür durchschneidet die Stille des Hotels. Es ist ca. 3:15 Uhr, auch draußen ist es noch Nacht. Etwa dreißig Meter vor mir geht eine andere Läuferin mit ihrem Wechselbeutel unterm Arm. Plötzlich beginnt sie zu rennen. Hö? Reflexartig sprinte auch ich los. Sind wir spät dran? Kann eigentlich nicht sein. Ich bremse wieder ab und gehe ganz normal. Keep cool. Es nieselt ein wenig. Aus einer Seitenstraße kurz vor mir biegt von links eine weitere Person in Laufoutfit in die Hauptstraße ein. Als sie die erste Frau laufend sieht, beginnt auch sie zu rennen. Nervosität ist ansteckend. Ich trabe wieder an, ermahne mich aber dann zur Ruhe. Wir haben massig Zeit.

Drei riesige Reisebusse stehen auf dem Parkplatz vor den Gletscherbahnen bereit. Bitte auf alle Busse aufteilen! Ich schlendere zu Bus 2 und nehme gleich in der zweiten Reihe neben einem jungen Läufer Platz. Er und seine vier Freunde sind das Spiegelbild der Mitfahrenden. Der eine ist völlig in sich gekehrt, die Augen immer wieder schließend, Hände im Schoß gefaltet, ein anderer plappert seinem Nachbarn unentwegt etwas ins Ohr, während dieser eine Stulle aus einer Plastikfolie pellt. Zwei weitere scrollen durch ihre Handys. Ob tatsächlich jemand außerhalb des Busses mit ihnen kommuniziert, jetzt um 3:30 Uhr? Wir cruisen durch die Nacht. Weiter hinten im Bus ist es still, wenn auch voll besetzt. Ich spüre die Blicke einer Läuferin schräg neben mir. Ich lächle kurz und schließe meine Augen. Wären wir doch bloß schon am Start. Ommm.

Nach einer guten Stunde öffnet sich die Bustür vor dem Eingang einer Schule in Kals. Wir sind hier auf 1.325 Metern. Ich beneide all diejenigen, die vor Ort ein Hotel bezogen haben und sich sowohl die Anfahrt als auch die erneute Wartezeit morgens um 5 in der Aula sparen können. Auch hier hängen die meisten ihren Gedanken nach. Gesprochen wird nicht viel. Gestanden umso mehr. Die obligatorische Klo-Schlange. Bei solchen Rennen ist die vorm Damenklo nur ein Viertel so lang wie die der Männer. So sehr ich das begrüße – zweimal biete ich den wartenden Herren an, auch unsere mit zu benutzen. Ein paar der anderen Mädels nicken. Kein Gentleman traut sich. 

Die Flasks mit frischem Wasser gefüllt, dann trete ich hinaus in den Nieselregen. Meinen Startbeutel gebe ich in einem Musikpavillon ab, der heute auch Verpflegungsstation für die 110km-Läufer*innen ist. Die ersten müssten in Kürze eintreffen. Nach durchgerannter Nacht ist hier Halbzeit für sie, Startzeit für uns und ggf. die Staffelpartner des GGUT 110/2 – man kann sich die 110km-Strecke nämlich auch zu zweit teilen.

Ich reihe mich irgendwo im vorderen Drittel hinter dem Startbogen ein und freue mich wie Bolle auf den bevorstehenden Lauftag.

6 Uhr. 5,4,3,2,1, Go! Endlich geht’s los. 

Großglockner Ultra Trail – ein Hoch auf die Pflichtausrüstung!

Auf einer asphaltierten Straße laufen wir aus dem Dorf, vorbei an bunten Bauernhäusern. Die Gebirgslandschaft hält sich noch bedeckt. Wolkenverhangen im Hintergrund die Dreitausender der Schober-, Glockner- und Granatspitzgruppe. Es nieselt ganz leicht. In Serpentinen winden wir uns bergauf.

Nirgends wäre ich jetzt lieber. Seit dem ersten Laufschritt bin ich in meinem Element. Zwar mit angezogener Handbremse, denn Höhenangst meint immer einen Schritt voraus zu sein und grummelt: “Obacht, da kommt gleich noch ne Herausforderung!”, doch mit einer vertrauenden Einstellung, dass ich dann schon eine Lösung finden werde. Im Moment konzentriere ich mich auf das, was ich jetzt beeinflussen kann. Nach gut 10 Kilometern im Anstieg, teils durch herrliche Blumenwiesen, erreichen wir auf 2.642m Höhe die erste Verpflegungsstation an der Glorer Hütte. Das Dach der Runde.

Schnell alle Vorräte aufgefüllt, dann kommt ein Downhill, wie ich ihn mag. Wellig. Fluffig. Leicht bergab. “Genusstrails”, wie der Veranstalter des Großglockner Ultra Trails schreibt. Wir sind mittlerweile in Kärnten und ich rolle dahin. Was für ein Glück, in dieser Natur zu laufen! Dann geht’s kurz bergauf zur Salmhütte und weiter zur Stockerscharte (2.465m). Hoch konzentriert habe ich kaum einen Blick für die Pasterze. Hier oben tobt der Wind und es ist kalt. Viele meiner Mitstreiter*innen haben sich Jacke, Mütze und Handschuhe angezogen. Ein Hoch auf die Pflichtausrüstung! Von der Stockerscharte führt die Strecke technisch fordernd bergab. Ich nehme Tempo raus. Vorsichtig, aber sicher. Der Wind kommt aus allen Richtungen und ich habe Mühe, ihm standzuhalten. Dann geht es wieder bergauf. Meine Stärke. 

Hinter der Staumauer am Stausee Margaritze ist nach 19 Kilometern der zweite Verpflegungspunkt des GGT am Berggasthof Glocknerhaus erreicht. Es ist 09:28 Uhr. Fast dreieinhalb Stunden habe ich bis hierher gebraucht. Zeit für Frühstück. Das Zelt ist voller Läufer und ich lasse mich von der Pausenstimmung anstecken. Erstmal hinsetzen. Es gibt Gemüsebrühe und Nudeln mit Tomatensauce. Zudem ein paar Brezeln und mein Maurten Gel. Alles irgendwie gleichzeitig. Als ich mich beobachtet fühle, blicke ich in ein lachendes und ebenfalls vollgestopftes Läufergesicht. Haha, wir benehmen uns ein wenig wie Schweine am Trog.

Großglockner Ultra Trail – mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein

Vor dem nächsten Abschnitt habe ich besonders Bammel. Erneut der Blick auf die GGT Marschtabelle, auf das Ausrufezeichen “Difficult!” beim Abstieg von der Unteren Pfandlscharte (2.663 m). Mit zittrigen Händen, aber wild entschlossen, greife ich nach meinen Stöcken. „Nur, wenn wir uns auf das Unbekannte einlassen, haben wir die Möglichkeit, uns damit vertraut zu machen.” Mit den Worten des amerikanischen Autors John Strelecky im Kopf mache ich mich auf. Angst akzeptieren. Situation annehmen. Learning by Doing. Ich kann und will hier nur wachsen. 

Bin ich erstmal dabei, hält mich ein bisschen Risiko immer auf Trab und gibt mir seltsamerweise Sicherheit. Alles in mir ist bestrebt, dass ich mich auch in einer unbekannten Situation schnell sicher fühle. Meine Taktik vom IATF oder Mozart100 etwas früher im Sommer wiederhole ich nicht. Dort bin ich aus Angst vor ausgesetzten Stellen über lange Strecken im Rudel gelaufen, um im Fall einer Gefahrensituation mögliche “Stützräder” an meiner Seite zu wissen. Das fehlende Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten hat mich teils viel Zeit gekostet und auch wenn es unterwegs im Team sehr spaßig war, blieb im Ziel doch das Gefühl, das Rennen eines anderen gelaufen zu sein. Gefährliche Stellen gab’s übrigens nicht. 

Es geht zunächst drei Kilometer bergauf. Was mich im folgenden Abschnitt erwartet, ist einfach nur beeindruckend. Ein Meer aus Steinen, Wolken, Nebel – Mordor, ringsum unzählige hohe Gipfel. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. An der Unteren Pfandlscharte (2.663 m) stockt mir kurz der Atem, denn es geht steil bergab. Das angekündigte Schneefeld ist einem gerölligen Abhang gewichen. “Runter kommt man immer.” Der Mann von der Bergrettung ist gut drauf. Eine aufsteigende Wanderin weniger. Sie stützt sich zitternd auf ihre Stöcke, das Gesicht überströmt mit Schweiß und Tränen.

Bevor mich irgendeine diffuse, irrationale Angst hemmen kann, wieder Höhenangst lähmt, verdonner ich meinen Kopf zum Schweigen und folge meiner Intuition. “Lass los.” Das klappt. Auch wenn mein Herz rast, alles rutscht und unter mir der Schotter bröselt, ist ein Schalter umgelegt. Balance-Training zahlt sich aus, das hier macht ‘ne Menge Gaudi. „Sobald du dir vertraust, sobald weißt du zu leben.“ Goethe rennt mit mir um die Wette.

In einem langen Downhill geht’s hinab zur Trauneralm, von dort flach bis Ferleiten und dann leicht fallend auf Trails nach Fusch an der Glocknerstraße. Ich genieße es. Kurzfristig werde ich auf diesem Abschnitt sehr emotional, unendlich dankbar. Gefährliche Stellen sind geschafft. Keine Ausrufezeichen mehr auf der Marschtabelle. Und mit dem Downhill klappt’s auch immer besser. Dieses Gefühl des Schaffens und Erreichens ist besonders. Ich denke an meine Familie und alles, was sonst noch toll ist in meinem Leben. Diesen Moment zum Beispiel, hier in den Bergen. 

Großglockner Ultra Trail – in vielen kleinen Schritten zum Ziel

“Von Fusch aus in den letzten Anstieg” steht im Glockner Ultra Programmheft – dass dieser Anstieg fast allen den Stecker zieht, davon steht da nichts. Hat man bis hierher die Marathondistanz bewältigt, geht es fortan in endlosen Kehren einfach immer nur bergauf. Die Hitze knallt, das Gras piekst und die Bremsen stechen. Als ich kurze Zeit später dank der nächtlichen Schauer wadentief im Schlamm stecke und in absehbarer Zeit der Matsch nicht weniger wird, denke ich an die taffen GGUT-Laufenden. Wie viel mieser sich dieses Stück wohl anfühlen mag, wenn man zuvor schon die Nacht durchgelaufen ist.

Ich konzentriere mich auf das Schöne: viel Grün, Sonne, blauer Himmel und dass ich in dieser herrlichen Bergwelt laufen darf – wenn auch gerade im Tough Mudder Stil. Zwei Kilometer vor Kaprun kann man das Ziel bereits hören. Doch es geht noch einmal in scheinbar endlosen Kehren einen schlierigen Wurzelpfad durch den Wald. Ein letztes Mal ist die volle Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen gefordert. 

Großglockner Ultra Trail Finish Judith Havers
Copyright: Sportograf für GGUT

Dann endlich – beflügelt von den gesammelten Eindrücken von rund 300 Gipfel mit mehr als 3.000m Höhe, renne ich bergab in das Zentrum von Kaprun. Die Stimmung und das Ambiente werden mit jedem Schritt Richtung Salzburger Platz ausgelassener. Noch ein bisschen Zickzack über ein paar kleine Brücken, dann springe ich ziemlich glücklich ins Ziel, wo ich schon von vielen lieben Menschen erwartet werde und mir stolz meine Finishermedaille über den Kopf streifen lasse. Emotionen, Adrenalin. So viel habe ich heute in den 10 Stunden am Glockner wieder gewonnen. Vertrauen in meinen Körper, Vertrauen in meine Intuition, Vertrauen in meine Fähigkeiten.

Ich schnaufe vor Erleichterung und strahle mit meiner Medaille um die Wette. Mut und Angst – zwei Seiten einer Medaille? Auf jeden Fall gehören beide eng zusammen. Hätte man keine Angst, bräuchte man den Mut als Überwindungskraft nicht. Angst kann etwas sehr Nützliches sein, doch sollte man sich von ihr nicht von dem Leben abhalten, das man wirklich leben will. Es gibt einen wunderbaren Song von Alexa Feser. Da heißt es: „Mut ist, wenn Du mit der Angst tanzt; das, was Du nicht ganz kannst, trotzdem versuchst…“ Im nächsten Jahr also die ganz große Glocknerrunde? 

Großglockner Ultra Trail congratulations
Copyright: Sportograf für GGUT

DANKE an Dynafit und Geschwisterzack für die Einladung zu diesem grandiosen Ultratrail am Glockner in Österreich!

Die Ergebnisse auf allen Strecken des Großglockner Ultra Trails findet ihr hier.

Weitere Lauferlebnisberichte von mir findet ihr zum Beispiel hier:

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