“Das machen wir auch nie wieder!”, sagt Olli, als ich ihm am Abend bei einem großen Berg Nudeln niedergeschlagen und doch unheimlich stolz meinen Samstag schildere…

Nein, über 100 Kilometer entfernt vom Ort eines Laufwettbewerbs, an dem ich teilnehme, zu übernachten, war nicht die cleverste Idee. Doch es klang alles easypeasy…

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – alles schien so einfach…

Ich wollte am Morgen des 21.10.2017 um 06:12 Uhr mit dem Zug in Mailand -Milano Porta Garibaldi- losfahren, um; mit gut 20 Minuten Zeit zum Umstieg in Cuzzago; um 08:49 Uhr in Omegna, dem Austragungsort des UTLO Ultra Trail de Lago d’Orta, anzukommen. Mein Rennen sollte mittags um 12 Uhr starten.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Nervosität gehört dazu.

Um kurz vor 5 Uhr stelle ich meinen Wecker aus, denn ich bin eh schon wach.

Ich habe den Tick, in der ersten Nacht in einer fremden Umgebung nie schlafen zu können. Dabei ist das AirBnB, das ich uns in Mailand ganz in der Nähe des Bahnhofs gebucht habe, wunderbar – gemütlich und ruhig.

Ich mache mich frisch und suche meine Siebensachen, die ich am Vortag gepackt habe, zusammen. Natürlich muss ich doppelt und dreifach kontrollieren, ob alles da ist, besonders das vorgeschriebene Equipment für den Trail – Nervosität ist angeknipst.

Ich gehe zum Kühlschrank und greife mein vorbereitetes Frühstück, das ich in aller Ruhe mit einem Becher Kaffee während der Zugfahrt verputzen möchte. Ob wohl Pendler im Zug sind, die so früh am Samstag zur Arbeit fahren?

Geduscht hatte ich schon nachts, daher stehe ich um 05:30 Uhr abflugbereit im Türrahmen.

Olli ist mit mir aufgestanden, um mich zum Bahnhof zu begleiten – und evtl. ein tolles Foto vom Sonnenaufgang zu ergattern. Sonne ist (noch) Fehlanzeige, und sie würde sich auch für den Rest des Tages in der Metropole nicht blicken lassen, was mir für meinen Freund, der da blieb, natürlich sehr leid tat.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Aufbruch in Mailand im dichten Nebel.

Es ist um diese Uhrzeit noch stockfinster, und Mailand liegt in dichtem Nebel – auch im Norden Italiens hat der Herbst Einzug gehalten.

Ausser uns ist kaum jemand auf den Straßen unterwegs, bis auf ein paar Nachtschwärmer, die von Freitagnacht-Parties weiter (nach Hause) ziehen.

Der ein oder andere sitzt auch einfach betrunken irgendwo rum und starrt vor sich hin; ich weiche einem Haufen Erbrochenen aus.

Heute trage ich meine ASICS Fuji Pro Trailschuhe an den Füßen, die mich letzten Sonntag bereits beim Ecomaratona del Chianti über 43km und 1.100 Höhenmeter durch die Weinberge der Toskana getragen haben – und davor 420km quer durch Schweden, 60km durch den Sand auf Ameland, Brocken Marathon im Harz, Bad Pyrmont Marathon, 250km über die Alpen beim Transalpine Run 2016… Der hat unzählige Trainingskilometer mit mir durchgemacht und eigentlich schon ausgedient… doch dieser eine Lauf beim UTLO Ultra Trail Lago d’Orta heute geht noch!

Vor dem Coffee Shop am Bahnhof hat sich bereits eine wankende Menschentraube gebildet. Er öffnet bestimmt um 6 in ein paar Minuten, denn drinnen wuselt bereits eine Verkäuferin herum. Zum Anstellen ist allerdings keine Zeit, daher gehen wir gleich zum Gleis.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Wo sind die ganzen Läufer?

Ich bin fest davon ausgegangen, jede Menge Sportbegeisterte in bunten Klamotten am Bahnsteig zu treffen; schließlich ist der 06:12 Uhr Zug der einzige, der den Mailänder pünktlich zum 12-Uhr-Start des 34 Kilometer Laufs bringen würde. Die nächste Verbindung in diese Richtung gibt es erst am frühen Nachmittag – also muss hiermit jetzt alles klappen.

Der Zug steht schon da. Es ist der einzige am ganzen Bahnhof. Ich bin die einzige in türkisem Hoodie; ansonsten tummeln sich dunkle Gestalten am Gleis.

Ich muss so dringend aufs Clo, dass ich kurz in den Zug springe, um die Toilette aufzusuchen. Im Inneren des Zugs ist es dunkel, und es blitzen mich nur hier und da gespenstig ein paar Augenpaare an. Einige Männer stehen in Lauerstellung in den Bereichen zwischen den Waggons – die Stimmung ist ganz merkwürdig.

Kurz darauf steige ich wieder aus und gehe zu Olli – ein paar Minuten sind es noch bis zur Abfahrt, und wir sehen uns erst am Abend wieder.

“Hier schwirren unheimliche Typen rum, pass’ bloß auf dich auf”, meint er zu mir.

Die Schaffnerin vertreibt ein paar auffällige Menschen vom Zug; diese gehen dann zwar weg, steigen allerdings durch eine andere Tür wieder ein, als sich die Schaffnerin umdreht, um ein paar andere zu ermahnen. Es kommt mir vor, als gehörten alle irgendwie zusammen.

Ich stehe mittlerweile drinnen im Zug und habe ein ganz mulmiges Gefühl, als ich mich durchs offenen Fenster von Olli verabschiede.

Es ist kein einziger Läufer zu sehen.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Addio, Milano! Der Zug fährt ab.

In meinem Waggon sitzen ein paar Frauen. Ich lächle sie freundlich an, als ich mich hinsetze. Sie schauen böse drein, und ich vermeide jeden weiteren Blickkontakt.

Wir fahren durch das Dunkel der der Nacht. Durch den Nebel kann ich wirklich gar nichts erkennen. Mein Frühstück mag ich nicht auspacken – bloß nicht auffallen!

Mein Blick fällt auf meinen Proviant-Beutel, aus dem auch meine Trail-Stöcke luken. Sie sind bei dem Lauf keine Pflicht, gehören aber zur empfohlenen Ausrüstung; ich will vor Ort entscheiden, ob ich damit starte. Inwieweit kann man sie wohl als Waffe einsetzen, falls mir hier gleich jemand ein Messer an den Hals hält? Oh man, die kriminelle Energie im Raum wird sich doch wohl nicht auf mich übertragen… bleib’ mal locker!

An jeder Station steigen ein paar Gestalten ein und aus. Ein paar Unstete steigen erst aus, um kurz darauf in andere Waggons wieder einzusteigen. Wo bin ich hier?

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Die unendliche Fahrt.

Zum Augen-zu-machen und Dösen bin ich zu aufgedreht. Scheisse, fast zwei Stunden Fahrt bis zum Umstieg. Was mach’ ich hier?

Ich starre in die Leere da draussen. Wie gern wäre ich schon gestern nach Omegna, dem “UTLO Village”, gefahren, um die Stimmung vor Ort aufzusaugen. Die Stadt liegt direkt am Lago d’Orta. Der Ortasee ist ein oberitalienischer See in der norditalienischen Region Piemont. Ich hatte auf Instagram schon viele schöne Bilder gesehen. Doch wir sind gestern erst aus der Toskana, wo wir die Woche verbracht haben, über vier Stunden nach Mailand gefahren. Eine weitere Zugfahrt hätte ich einfach nicht ausgehalten. Es ist jetzt wie es ist, und ich freue mich auf den Umstieg in Cuzzago, wo ich mir endlich meinen Kaffee holen will.

Da keine Station angesagt wird und immer noch alles dunkel ist, verfolge ich den Verlauf meiner Fahrt ab viertel vor 8 mit Google Maps.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Um 8 Uhr ist es soweit, Umsteigen!

Ich schultere meine Sachen, öffne die Zugtür und steige aus – als einzige.

Ich vergleiche den Namen der Haltestelle Buchstabe für Buchstabe mit meinem Ticket: CUZZAGO – ja, hier ist’s richtig.

Kein Mensch ist am Gleis. Hinter mir knallt die Zugtür zu, und das graue Monster rollt weiter.

Ich blicke mich auf dem verlassenen Bahnsteig um und entdecke durch den Nebel auf der Plattform gegenüber ein kleines Stationshäuschen.

Eine Treppe führt mich nach unten und durch eine Unterführung unter den Schienen durch auf die andere Seite. Das Häuschen ist verlassen, die Scheiben eingeschlagen. Ein paarmal muss ich rumlaufen, um das gelbe Hinweisblatt mit den An- und Abfahrten zu finden.

08:28 Uhr, Richtung Novara, nach Omegna, von Plattform 1.

Ich gehe wieder raus – über mir eine große, runde “1”. Sehr gut. Ausgestiegen bin ich auf Plattform 2, und mehr gibt es ja nicht.

Ich entspanne ein bisschen und packe mein Brötchen mit Honig aus. Als ich meinen Blick schweifen lasse, erkenne ich durch den Nebel: die Berge! Meine Freude auf den Lauf ist voll da! Ganz genau weiss ich noch nicht, wie es auf den ausgeschriebenen 34km mit 2.200 Höhenmetern so wird, aber das Ungewisse gehört für mich dazu.

Normalerweise entscheide ich mich bei Lauf-Veranstaltungen, bei denen mehrere Distanzen angeboten werden, immer für die längste Strecke. Diesmal ist es anders, denn die längste Strecke beim UTLO Ultra Trail Lago d’Orta beträgt 120km – das traue ich mir nicht zu, und auch die alternativen 82km und 58km waren mir in diesem Fall zu viel. Schließlich hatte ich am letzten Wochenende einen Wettkampf-Marathon, und in der nächsten Woche steht bereits der Frankfurt Marathon an. Doch ich bin “in der Gegend” und möchte ein paar Eindrücke von diesem Berglauf mitnehmen. Heute reichen mir also 34 Kilometer Sightseeing. Es gibt auch eine 17km Strecke, die reicht mir allerdings nicht.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Berge und viel Nichts um Cuzzago

Die Berge sehe ich in Cuzzago am Bahnhof also schon, ein Café aber leider nicht, auch ein Kaffeeautomat ist Fehlanzeige.

Tote Hose.

Ich gehe noch einmal zum gelben Zettel, um erneut zu kontrollieren, ob auch alles stimmt mit Uhrzeit und Gleis. Anders als bei digitalen Anzeigen ändern sich so Zettelaushänge ja eher nicht spontan, aber vielleicht habe ich irgendetwas übersehen… Ich will auf jeden Fall richtig stehen, denn es ist die einzige Zugverbindung nach Omegna. Tatsächlich steht die nächste erst für nachmittags dran. Allerdings hätte hier um 08:16 Uhr auch schon ein Zug durchkommen sollen… seltsam.

Es ist jetzt 08:23 Uhr – noch fünf Minuten bis zur Abfahrt. Um 08:27 Uhr erschreckt mich eine italienische Lautsprecherdurchsage: die Einfahrt meines Zuges auf Platform 1 wird angekündigt. Yes!!

08:28 Uhr – ich sehe weit und breit keinen Zug einfahren, und bis auf das Knistern meiner Brötchentüte herrscht nach wie vor Totenstille überall.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Ein Geist.

Plötzlich höre ich das schrille Bremsen eines Zuges in der Ferne. Hä? Instinktiv schnappe ich meine Sachen und springe über die Gleise von Plattform 1 und auch von Plattform 2 in Richtung des Geräusches. Ich schlage mich durch eine große Hecke, sprinte einen kurzen Schotterweg entlang und sehe etwa 20 Meter vor mir – einen Zug. Nur zwei Wagen – sie stehen im Nebel wie ein Geist. Ich springe auf die Tür direkt vor mir zu, und in dem Moment, wo ich den Türöffner drücke, fährt der Zug ab. Ungläubig ziehe ich meine Hand zurück und reiße dann beide Hände in die Höhe. Ich winke, springe auf und ab und laufe ein Stück mit. “Stooop, nicht wegfahren, ich muss mit!!” Es ist sinnlos. Ich halte an und schimpfe wie ein Rohrspatz vor mich hin – es hört mich eh keiner, denn auch hier ist niemand aus- (und vermutlich auch niemand ein-) gestiegen.

Das Ungetüm verschwindet im Nebel.

Das darf doch nicht wahr sein!

Und jetzt?

Es ist halb Neun, um Zwölf startet mein Rennen. Mich trennen knapp 20km und 3,5 Stunden bis zum Startschuss vom UTLO Ultra Trail Lago d’Orta… 

It’s a big world – F*** you, Cuzzago, I’ll run it!

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – I would walk 500 miles…

Ganz so schnell fiel die Entscheidung, einfach loszulaufen, nicht…

Ich bin auf 180, stehe fluchend an diesem Gleis, welches eigentlich gar nicht existiert, und schaue auf Google Maps.

Mein Standort: direkt am Gleis meiner Zugverbindung – hätte ich vorhin mal näher rangezoomt, hätte ich auf dem Handy-Display möglicherweise rechtzeitig gesehen, dass ich gut hundert Meter entfernt von hier an einem “anderen” Gleis 1 stand. Hätte, hätte, verf***te Fahrradkette!

Der doofe Zug verschwindet im Nichts. Maps sagt mir, dass sein nächster Halt Ornavasso ist, um 08:34 Uhr, also in 6 Minuten, 6km von hier. Jo, abgefahren.

Kein Zug. Kein Bus. Kein Taxi. Kein Mensch. Ich latsche los. Der Tag ist ja noch jung, und ich werd’ mir unterwegs schon was überlegen.

Noch bin ich zu geladen und kläffe frei raus vor mich hin. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal Selbstgespräche geführt habe, aber ich mecker’ hier mit mir selbst wie nur was. “Wie blöd kann man sein!?!?”

Ich treffe auf eine etwas breitere Straße und stakse sie am Wald entlang. Etwas versetzt vom Weg erblicke ich eine Frau an einen Baum gelehnt – eindeutig postiert und kaum bekleidet. “Boah, jetzt bin ich hier auch noch am Straßenstrich gelandet!” – das rutscht mir, übelst gelaunt, tatsächlich mehr oder weniger laut raus. Ich erkenne mich selbst nicht wieder; es tut mir leid, und ich hoffe inständig, dass sie mich nicht verstanden hat.    

Ich muss den Kopf frei kriegen. Ich fange an zu laufen.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Klapperndes Gepäck.

In meinem Rucksack trage ich alles, was während des anstehenden Wettkampfs beim UTLO Ultra Trail Lago d’Orta vorgeschrieben ist: Regenjacke, lange Hose, Langarmshirt “suitable to face extreme conditions and extreme cold on the mountains (wind, rain, snow)”, Mütze, Handschuhe, Stirnlampe, Ersatzbatterien, Trinkbecher, Mobiltelefon mit Notfallnummern, Trinkflaschen mit 1l Fassungsvermögen, Riegel, Rettungsdecke…

Was ich sonst noch an Equipment benötige, Wechselklamotten, Stöcke, Handtuch, Duschgel, weiteres Essen, Geld etc., habe ich im Starterbeutel des Chianti-Marathons vom letzten Wochenende bei mir. Mein Krimskrams schlägt mir um die Hüften.

Erstmal bis zur nächsten Ortschaft…

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Treffen sich eine Spanierin und eine Deutsche in Italien…

Irgendwann kommt die Sonne raus, und mir fällt auf, wie schön die Landschaft hier gerade ist. Plötzlich sehe ich vorn rechts einen Parkplatz. Hier scheint ein Wandergebiet zu sein. Es steht kein Auto dort, aber eine kleine Frau, eine Läuferin, die sich gerade an einem Holzzaun dehnt. Ich bremse ab und gehe auf sie zu. “Do you speak English?” “Espanola.”

Ich sage ihr, dass ich auf dem Weg nach Omegna bin und frage sie nach einer Bushaltestelle. Sie macht nur große Augen. Nachdem wir ein paar Worte gewechselt haben, wobei keine die andere so richtig verstanden hat, gehe ich weiter meines Weges… Ich könnte hier auch einfach einen Wandertag machen – eine Holztafel am leeren Parkplatz führt ein paar Wege auf, und die Berge bieten eine tolle Kulisse. Ich will aber zum UTLO Ultra Trail Lago d’Orta, also weiter!

Etwa 10 Minuten später nähert sich ein Auto von hinten – es ist die Spanierin. Es gäbe ein Stück weiter einen Bahnhof… Sie winkt mich rein, und ich quetsche mich samt Gepäck auf den Beifahrersitz ihres kleinen Autos. Ich hocke vornübergebeugt, und der Anschnallton durchbricht unsere Gesprächsfetzen und ermahnt mich zum Gurt-Anlegen, während wir ein paar hundert Meter auf der einsamen Landstraße fahren.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – and I would walk 500 more…

Das Häuschen an dem Bahnhof ist genauso tot wie das in Cuzzago. Wie befürchtet, kommt hier der nächste Zug erst am Nachmittag durch. Ich halte mich nicht lange auf, zücke mein Handy, google nach Taxi-Unternehmen und wähle die erstbeste Nummer. Keiner geht ran. Ich wähle eine zweite Nummer. Es dauert, bis es klingelt. Auch hier geht keiner ran. Was ist das hier?? Fahren die Taxis in diesem italienischen Kaff etwa auch erst nach’m Mittag? Beim Blick auf den halbleeren Akku-Stand wird mir ganz anders. Im Reglement des UTLO Ultra Trail Lago d’Orta steht, dass man ein Handy “with fully charged battery and enough call volume” mitnehmen muss. “Insert emergency numbers, keep the phone always on, do not mask the number…” Ich bin auch eine Pfeife… Mein Freund, der Technik-Freak, hat immer einen Ersatz-Akku und ein Ladegerät am Mann, meist auch zwei Handys – es würde mir nie einfallen, das zum Laufen mitzunehmen, aber heute wäre es doch sehr praktisch. Mir ist das alles zu doof. Ich gehe wieder in den Laufschritt über. Es sind weitere 6km nach Gravellona Toce, zunächst einmal stumpf geradeaus. Elegantes Laufen ist das nicht, aber es passt zu meiner Ausdrucksweise – voll der Motz-Morgen!

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Plan versus Realität…

Ich will heute einen 34km Berglauf mit 2.200 Höhenmetern machen. Wettrennen… Eigentlich sollte ich meine Füße hochlegen. Eigentlich wollte ich die drei Stunden zwischen geplanter Ankunft am Rennort und dem Startschuss des UTLO Ultra Trail Lago d’Orta dazu nutzen, in Ruhe vor Ort einen Kaffee zu trinken, mit ein paar Läufern zu plaudern, den Check-in zu machen und mich in Omegna’s Gassen kurz warmzulaufen und auf das Rennen einzustimmen. Eigentlich.

Nun eiere ich hier mit meinem Gepäck am Rand einer mittlerweile stark befahrenen Straße entlang. Auch wenn meine Motivation zum Laufen dieser knapp 20 Kilometer extrem niedrig ist, schließlich sollte ich mich für den “richtigen” Lauf schonen, ans Daumen-Raushalten denke ich noch nicht. Irgendwann macht meine Straße einen Riesenschlenker, den ich gern abgekürzt hätte… Unter mir verläuft die Autobahn. Darf ich hier überhaupt laufen?

Auf einmal fährt ca. 200m vor mir ein Auto rechts ran und hält. Wegen mir? Ich marschiere etwas zügiger, aber unentschlossen, darauf zu. Als ich etwa 20 Meter von dem Auto entfernt bin, gibt es wieder Gas… um etwa 200 Meter weiter wieder anzuhalten… WTF? Ich marschiere weiter, das Auto fährt wieder los und dreht kurz darauf um. Am Steuer des Wagens, der jetzt auf der Gegenfahrbahn unterwegs ist, sitzt eine Frau, die auch etwas verloren durch die Gegend schaut. Ach, was soll’s. Ich laufe wieder.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – Jogginganzug mit Hasenmuster

Ich halte mich ganz rechts am Fahrbahnrand und bin auf den sich endlos ziehenden nächsten Kilometern mit meinen Gedanken allein zu Fuß, neben nun unentwegt vorbeirauschenden Autos. Eins davon biegt rechts ab auf einen Firmenparkplatz. Ich gehe auf das parkende Fahrzeug zu, eine Frau in Jogginganzug mit Hasenmuster sitzt am Steuer und schaut auf ihr Handy. Ich winke durchs Seitenfenster. Während sie aussteigt, entschuldige ich mich für die Störung und frage sie nach öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie schaut ratlos und überlegt laut auf Italienisch vor sich hin. Dann sucht sie auf ihrem Handy und vertippt sich dabei so häufig, dass ich es auf der Stelle bereue, sie angequatscht zu haben. Meine Zeit tickt. Ich versuche geduldig zu bleiben, während sie mir auf Italienisch etwas sagt, das mir nichts sagt. Da nützt auch kein Latein-Leistungskurs. Mit Hilfe von Google Translate verständigen wir uns dann irgendwie. Sie tippt auf italienisch, ich lese die englische Übersetzung. Ich soll zum nächsten Kreisel laufen, da links abbiegen, dann am nächsten Kreisel rechts abbiegen und dann… Hmm, ich bin sehr skeptisch, da mein Weg eigentlich nur geradeaus geht… Als sie anbietet, mich zum Kreisel zu fahren, lehne ich dankend ab. Ich gebe Hackengas und erreiche Gravellona Toce.

UTLO Ultra Trail Lago d’Orta – noch eine Alsterrunde bis zum Start

Von hier sind’s noch 7,5km bis nach Omegna. Eine Alsterrunde, irgendwie niedlich… Ich hab’ keinen Bock mehr. Lustlos gehe ich am Straßenrand weiter. Mein Marathonbeutel schneidet mir in die Schulter. Wenn ich weiter so einen bunten Mix aus Gehen und Laufen fabriziere, bin ich genau zum Startschuss am Start. Plötzlich muss ich lachen. Als wäre das Alles vorherbestimmt, die gespenstische erste Zugfahrt von Mailand nach Cuzzago, das Verschwinden meines Anschlusszugs dort und nun dieses irrsinnige Unterfangen… Ich habe noch keine Startnummer und viel zu viel Krempel bei mir. Jetzt drehe ich mich doch ein paarmal um und schiele in die Autos, die in meine Richtung fahren. Soll ich meinen Daumen raushalten? Ich bin zwar Blablacar-erfahren, aber ein mulmiges Gefühl hab’ ich hier allein in Italien irgendwie doch. Nee, ich geh’ – die Uhr immer im Blick.

7,5km an einer hässlichen Hauptstraße entlang können lang und öde sein, wenn man mit sich selbst und mies drauf ist. Irgendwann habe ich doch angefangen, meinen Daumen rauszuhalten. Erst zögerlich und immer nur dann, wenn die Leute hinterm Steuer “nett” aussahen – doof nur, dass ich ihre Gesichter meist erst gesehen habe, als sie schon quasi vorbei waren. Nach einer Weile bin ich mutiger geworden – hält ja eh keiner an. Vielleicht hätte ich mir ein Schild basteln sollen, wo ich hin will… Doch dann, 6km später, als mir schon alles egal ist, fährt ein kleiner Wagen rechts ran, und ein freundliches Frauengesicht spricht mich an. Ob ich zum UTLO Ultra Trail Lago d’Orta will? Herrgott-jaa!! Ich freue mich wie Bolle und weiß ganz ehrlich nicht, ob ich die letzten 1,5km überhaupt gegangen wäre, oder ob ich mich nicht einfach an den Straßenrand gesetzt hätte. Doch wie sagt der Trainer: “So kurz vorm Ziel gibt man nicht auf!” Tja, so kurz vorm Start erst recht nicht. Ich könnte die nette Italienerin knutschen und sage ihr, dass sie heute meine Heldin ist und mein Leben rettet. Sie lacht. Sie sei den UTLO im letzten Jahr gelaufen, die 17km Strecke, das hat ihr gereicht – aber sie wohnt nicht weit vom Start entfernt und lässt mich dort raus.

Ich fasse es nicht. Ich bin da! Es ist 11:20 Uhr, und ich renne mit Sack und Pack zum Zelt der Startunterlagenausgabe des UTLO Ultra Trail Lago d’Orta

– wo mich die nächste Hürde erwartet…

UTLO UNVERGESSLICH - EIN ULTRA TRAIL AUF UMWEGEN 4