“Hi Judith, hättest du Interesse an diesem Rennen? https://www.ultramirage.com”…

Bereits beim Öffnen dieser e-Mail hat die Vernunft meiner Neugierde die Entscheidung überlassen und ging schon mal den Rucksack packen. Einhundert Kilometer am Stück durch die Wüste laufen… Wer macht sowas? Wie schafft man das? Ich werd’s nicht wissen, wenn ich’s nicht erlebe. Also haue ich in die Tasten: “supergern dabei!!”

Ultra Mirage El Djerid – Worauf lasse ich mich da ein…

Der Ultra Mirage El Djerid (kurz: UMED) ist der erste 100 Kilometer lange Trail Lauf in der tunesischen Sahara. Die Strecke führt über verschiedenartiges Terrain: durch weichen Sand mit kleinen Dünen, Steppen aus Kamelgras, felsiges Gelände, ausgetrocknete Flussbetten und grüne Oasen… 20 Stunden beträgt das Zeitlimit, innerhalb dessen die Ultramarathonläufer die Ziellinie erreicht haben müssen. Unterwegs gibt es fünf Kontroll-/Verpflegungspunkte (etwa alle 15-20km voneinander entfernt), die ebenfalls innerhalb bestimmter Fristen erreicht sein müssen, damit man das Wüstenrennen fortsetzen darf.

Zwei Monate zuvor erfuhr ich (durch o.g. e-Mail) von diesem Wüstenlauf. Noch nie habe ich mich an einen 100km-Lauf gewagt, noch nie bin ich in der Wüste gerannt. Kann ich auf mein Training vertrauen? Let’s fetz!

Ultra Mirage El Djerid - Hallo Tunesien
Willkommen in Tunesien

Ultra Mirage El Djerid – D-Day

28.09.2019: Um 5 Uhr rollt unser Kleinbus die palmengesäumte Auffahrt vom Hotel Ras El Ain hinunter zur Hauptstraße. Vor uns liegt knapp eine Stunde Fahrt. Die Oasenstadt Tozeur ruht noch in der Stille der Dunkelheit, ein paar grelle Straßenlaternen markieren unseren Weg nach Westen. Ich schiebe meine Sonnenbrille auf die Nase, schließe zusätzlich die Augen und träume Nichts vor mich hin, versuche zu meditieren – solange bis etwa auf halber Strecke die Straße ruppiger wird. Wir tauchen gen Norden in die Dünenlandschaft ein. Mit offenem Mund voll freudiger Vorspannung bestaune ich, wie das changierende Licht kurz vor Sonnenaufgang den Himmel in ein Farbenwunder verwandelt.

STAR WARS

Kurz darauf stehe ich vor den Toren und kleinen Kuppeln von Mos Espa, einer gesetzlosen Stadt, überwiegend von armen Siedlern und kriminellen Söldnern besiedelt – Weltraumhafen des Wüstenplaneten Tatooine… 

CUT! In Wirklichkeit befinde ich mich weit weg von Städten und Zivilisationen, sondern im Nichts der tunesischen Wüste nahe der algerischen Grenze, vor einer verlassenen Star Wars Filmkulisse. Hier, in der Senke der “Chotts”, der riesigen Salzseen, die die Steinwüste im Norden mit der Sandwüste im Süden Tunesiens verbinden, wurde also Darth Vader geboren – in einer weit entfernten Galaxie. 

Auf Arabisch heißt dieser wunderschöne Ort Ong Jmel und verdankt seinen Namen (“Hals des Kamels”) der Form eines Felsens, der majestätisch zwischen den Sanddünen sitzt. Ein paar Beduinen haben ihre Tische in den Sand gestellt und warten vor dem Star Wars Village auf Touristen. 

Ultra Mirage El Djerid – vorm Start

Wir sind früh dran, die übrigen Bustransfers noch unterwegs. “Wir” sind neben mir noch Andrea Löw, die auch ein Teil des ASICS FrontRunner Teams ist und schon mehrfach Wüstenlauf-Erfahrungen gesammelt hat, und Andrea Philippi, Pressereferentin des tunesischen Fremdenverkehrsamts, die uns diese Reise ermöglicht. Vor ein paar Tagen habe ich letztere Andrea noch mit “Sehr geehrte Frau Philippi” per e-Mail kontaktiert, und nun hocken wir quasi Po an Po im Wüstensand – die Toilettenhäuschen sind um 6 Uhr früh noch verschlossen.

Während der UMED-Startbogen errichtet wird, blinzelt über den Sanddünen, die hier über 70 Meter hoch werden können, die Sonne hervor. Sie wird uns den Tag über begleiten. Oben auf dem Dünenkamm erkenne ich die Silhouetten von zwei Fotografen. Der Ausblick muss gigantisch sein, denke ich voll freudiger Erwartung meiner eigenen Erkundungstour.

Mit dem ankommenden Konvoi von Bussen kommt Leben in die Stille. Vor den in Hufeisenform errichteten, weißen Wüstenzelten verteilen sich knapp 200 Starter. 60% davon sind Tunesier, 40% ausländische Läufer aus 25 Nationen. Die Frauenquote liegt bei 25%. Gesänge verbreiten sich im Camp. Lieder, die ich nicht verstehe, und doch spüre ich zwischen den Klängen von Trommeln diese Energie – wachsende Aufregung, Respekt und Vorfreude tanzen miteinander.

Schnell noch ein paar Fotos. Und Sonnencreme auftragen. Doppelt und dreifach. Mit zittrigen Fingern überprüfe ich ein letztes Mal den Sitz meines kleinen Rucksacks (zum Equipment s.u.*). Ich nehme beide Andreas in den Arm. Alle wünschen einander viel Glück für ein schönes Rennen. Am Ende des Tages werden wir genau hier auch ins Ziel laufen – Inshallah (“so Gott will”).

Troi, deux, un – Allez! 

Mit dem Startschuss zum Ultra Mirage El Djerid stürmen wir Ultramarathonis den Spielplatz, der sich auf fast achttausend Quadratkilometer vor uns erstreckt. Der Untergrund ist hart. Mit kraftvollem Fußabdruck finde ich auf der dünnen Sandschicht leicht einen Rhythmus -links, rechts, links, rechts- das Abenteuer Wüstenlauf beginnt! Jeeps mit Fotografen und der Orga-Crew folgen uns, sind stets “nah dran” an den Läufern. Die Strecke führt zum Chott El Gharsa, dem “kleinen Bruder” des Chott El Djerid, der größten Salzwüste der Sahara und Namensgeber des Rennens. 

Die Chotts

Die Salztonebenen im Süden Tunesiens (“Chotts” genannt) erstrecken sich über eine Fläche von 7.700 km². Von der algerischen Grenze bis fast zum Mittelmeer dehnen sie sich quer durch das gesamte Land aus – wie ein Spiegel von beinahe zweihundert Kilometern Länge. 

Chott El Djerid, Chott el Fedjadj und Chott el Gharsa waren vor Urzeiten von Meerwasser bedeckt und sind heute von einer zähen Kruste aus Salz, Ton und Sand ummantelt, darunter tiefer Schlick. Ein stilles Meer aus Kristallen, zu schwer um zu verdunsten, bei Jahresniederschlägen von 100mm und Höchsttemperaturen bis 50°C.

Während wir laufen, streifen wir nur einen Bruchteil der weiß glitzernden Oberfläche. Sie wirkt unendlich. Neugierig halte ich Ausschau nach Fata Morganas – die wundersamen, flimmernden Luftspiegelungen sind in den Chotts wohl häufig erlebbar und werden hier “Mirages” genannt – so ist auch der erste Teil des Rennnamens Ultra Mirage El Djerid erklärt.

Gone with the wind

Inmitten der Mondlandschaft nuckel’ ich bereits jetzt fast ununterbrochen an meiner Trinkblase. Währenddessen stemmt sich der Wüstenwind gegen meine Brust. Ob der stürmischen Herausforderung setze ich meine Schritte kraftvoller. Hah, das ist doch ein laues Lüftchen im Vergleich zu unserer steifen Brise an der Elbe! Der Läufer links von mir keucht hingegen, als kämpfe er gegen den Schirokko an, einen Sandsturm, der regelmäßig staub- und sandbeladene Wüstenluft von hier in Richtung Mittelmeer führt. Sein rasselnder Husten übertönt das Tapp-tapp-tapp unserer Sohlen – doch beides verstummt mit Verlassen des Salzsees. Weiche Sandflächen mit leichten Dünen verschlucken das Geräusch der eigenen Schritte. 

Ultra Mirage El Djerid – nichts als Durst an VP1

Auf einem kleinen Hügel ist mit dem ersten Verpflegungspunkt nach 19km ein kleines Zwischenziel erreicht. Check! Das ging fast schnell… Meine Nummer wird notiert, während ich das Nötigste auffülle: Wasser! Für jeden Läufer sind an jedem Kontrollpunkt drei 2l-Flaschen Wasser eingeplant. Das ist reichlich und auch alles, nach was ich jetzt Verlangen habe. 1,5 Liter gieße ich in meine Trinkblase. Auch meine vier 500ml Flasks brauchen einen Refill. Ich peppe das Getränk mit einem Kohlenhydrat-Mix von Maurten auf.

Gleich mehrere Freiwillige kümmern sich, halten meinen Laufrucksack oder reichen mir einen Strauch Datteln. Tozeur ist berühmt für die Sorte Deglet Nour (“Finger des Lichts”). Wie sehr habe ich mich auf diese Köstlichkeit gefreut! Auf einem Klapptisch stehen dünne Brotsticks und Chips, daneben eine Dose mit Salzpellets. Wer mitten im Niemandsland ein üppiges, frisches Buffet erwartet (wie etwa bei europäischen Rennen, die den Läufern an den Verpflegungspunkten quasi ein Drei-Gänge-Menü servieren…), hat falsch gedacht.

Viel motivierender finde ich die helfenden Hände und lächelnden Gesichter der Tunesier, und ich beobachte amüsiert, wie sich ein ankommender Läufer den ganzen Körper mit einem feinen Wasserschlauch absprühen lässt. Die anfängliche Brise ist mittlerweile passé und die Hitze schon vormittags präsent. Das Thermometer wird noch auf über 42°C steigen, das ist deutlich heißer als im Vorjahr.

Fierce Minds

Bei der Premiere des Ultra Mirage El Djerid im Jahr 2017, der “Pioneers” Ausgabe, starteten 60 Läufer. Im Folgejahr 2018 stellten sich bereits mehr als doppelt so viele, 130 “Bravehearts”, der Herausforderung. Die 3. Edition 2019 trägt den Namen “Fierce Minds”. Für das Adjektiv “fierce” gibt es unterschiedliche Übersetzungen: heftig, scharf, anspruchsvoll, kämpferisch… “Mind” steht für den Geist und Verstand, für Kopf und Seele, Psyche, das Gemüt, die Absicht… Google übersetzt die Kombination der beiden Wörter mit “Wilde Gedanken”.

100 Kilometer am Stück durch die Sahara rennen… Was denkt man da? Denkt man über “wichtige Dinge” nach? Heckt verrückte Pläne aus? Hat man ständig Ohrwürmer, wird vielleicht irgendwann irre vom Alleinsein und vielen Denken? Was bedeuten überhaupt 20 Stunden Zeitlimit? Ist das viel? Ist das zu wenig? Tut’s dolle weh? Puuuh… Etwas mehr als 60 Kilometer war bisher die längste Strecke, die ich am Stück gelaufen bin. Auf Ameland. Niederländisches Wattenmeer. Oder beim Österlen Spring Trail in Schweden. Bei beiden war’s kalt und der Sand hart, regennass.

Ich schultere meinen Rucksack. Ich werd’s nicht wissen, wenn ich’s nicht mache. Also los! Entschlossen trete ich hinaus in den Ofen und trabe locker weiter… und drehe nochmal um: “Ääh, Sorry, are there any toilets?” Ein Mann, der zwischen zwei geparkten Jeeps im Sand steht, schaut mich fragend an. “Toilets? I don’t know.” Während er seinen Nebenmann fragt, dieser schulterzuckend wieder jemand anderem zuruft, und ein vierter Mann letztendlich “No” sagt, komme mir ziemlich bescheuert vor. Hatte ich echt jetzt ein blaues Dixi-Clo erwartet? “No problem, thanks!” – schnell weg!

Wrong Way – Das Gelände ändert sich

Das Läuferfeld ist schon jetzt stark auseinandergezogen. Jeder Teilnehmer des Ultra Mirage El Djerid trägt ein “Roadbook” mit sich – die Wegbeschreibung, die uns beim Briefing am Vortag ausgehändigt wurde. Der Zettel sagt “KM26,05 – Turn RIGHT into dunes”. 

Doch das kriege ich nicht mit, denn das Blatt steckt ordentlich zusammengefaltet in meinem Rucksack. Tiefen Reifenspuren und genauso irreführenden Gedanken folgend, trabe ich weiter geradeaus. Rechts abzubiegen in knöcheltiefe Dünen… kommt mir nicht in den Sinn. Nach einer Weile erkenne ich… keine roten Sandsäcke mehr. Sie markieren etwa alle einhundert Meter die Strecke. Abrupt stoppe ich meinen Flow und drehe mich um. “I think we’re on the wrong track,” sage ich mehr zu mir selbst als zu der Französin hinter mir. Sie guckt zunächst ungläubig und folgt mir dann zurück. Tatsächlich… Die Abzweigung war wirklich kaum erkennbar, und wer lesen kann, ist nur dann im Vorteil, wenn man’s auch tut. Mit Armzeichen mache ich ein paar Neuankömmlingen in der Ferne die Richtung klar, und weiter geht’s. 

Was muss, das muss

Flach ist passé. Die nächsten 40 Kilometer des Ultra Mirage El Djerid werden wir in den Dünen hopsen. Hier fängt das Rennen eigentlich erst an. Und wie das immer so ist zu Beginn eines Rennens: Ich muss pinkeln. Mindestens eine Stunde lang habe ich nun versucht, diesen Harndrang auszublenden. Bestimmt genauso lang habe ich keinen Busch oder ähnlichen Sichtschutz entdeckt. Hier ist nichts zum Verstecken. Seit Mos Espa fünf Liter oder mehr intus – soviel kann man gar nicht ausschwitzen. Bevor ich die Kontrolle verliere…, hock’ ich mich hier hin. Jetzt. Mir egal. Ich trete zwei Meter nach rechts. Hah, da ist doch so etwas wie ein Gewächs! Nicht voluminöser als eine Salzstange, aber mit viel Vorstellungskraft ein kräftiger Baum. Ich lasse meinen Laufrock samt Innenhose runter und wende den Kopf Richtung Unendlichkeit. Schnell die Augen zu – macht unsichtbar, oder? 1,2,3 Läufer ziehen an mir vorbei. Lalala, ich seh’ euch nicht, ihr seht mich nicht…  

Den Blick zu Boden gerichtet, kehre ich, fünf Kilo leichter, zurück auf die Strecke.

Nach zwei/drei Kilometern laufe ich beinahe wieder falsch. In der Unberührtheit dieses gewaltigen Sandmeers sehe ich geradeaus in der Ferne zwei Läuferinnen – wie wellenreitend am Hang einer großen Düne. Der nächste rote Sandsack steht allerdings mitten im Nichts rechts von mir. Hmmm. Ich vertraue dem Sack und pfeife laut auf zwei Fingern. Die Mädels drehen sich um, werden sich ihres Irrtums bewusst. Verlaufen ist jetzt echt doof, doch die extremen Temperaturen können wirklich dödelig machen. Die zwei laufen die Düne auf einem anderen Weg hinab. Ich treffe sie kurz darauf. “Thank you.” Sie sehen ziemlich geschafft aus. Ich versuche sie aufzumuntern, doch ihr Lächeln wirkt wenig fröhlich. Die Französin hat sich dicht an meine Fersen geklebt und sagt: “I’m happy that we have you.” “Welcome.” 

Dichte Vegetation an der Oase Chemsa, von malerischen Seen getüpfelt, bietet Abwechslung für die Augen, bevor wir kurz darauf den zweiten Kontrollpunkt erreichen.

Checkpoint 2 – Nach 35km dünnt sich das Feld (weiter) aus

Froh über den Schatten des Zeltes und einen freien Plastikstuhl, schnaufe ich tief durch und fülle all meine Flasks neu auf. Ausgebreitete Teppiche laden zu einer längeren Pause ein, und wie schon zum Start und am ersten Checkpoint erkundigt sich Renndirektor Amir Ben Gacem nach dem Wohlbefinden jedes Läufers. Wo gibt’s das noch? Ich kriege Gänsehaut und erinnere mich an einen seiner Posts auf Facebook: “Ultra Mirage El Djerid is not only a long desert ultra like there are so many, it is a community, a family that shares the common values of courage, respect, perseverance, and humility in front of mother nature.” 

Teilnehmer

Von professionellen Ultra-Läufern bis zu Athleten wie mir, die sich für Ultra-Trails begeistern und sich dem Abenteuer entsprechend vorbereitet haben, ist dieses Rennen offen für alle. Zu meiner Verwunderung treffe ich am KM35-Checkpoint auf zwei der Favoriten, die sich entschließen, aus dem Rennen auszusteigen. Ich erkenne keinen Grund, bin aber auch schon wieder im Begriff, das schattenspendende Zelt zu verlassen – als plötzlich ein junger Mann herein schneit, ein Radio bis zum Anschlag aufgedreht. “Freestyler” hallt aus seinem Gerät. Eigentlich mag ich das Lied, doch das Dröhnen passt so gar nicht in die Szenerie… Nichts wie weg. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass der russische Läufer an dem Wolff-Parkinson-White-Syndrom leidet und wegen Herzrhythmusstörungen einen Herzschrittmacher trägt. Erst nach dem Rennen erfahre ich von seinem Schicksal und verzeihe ihm augenblicklich all den Krach.

Ultra Mirage El Djerid – durch die sechs Kilometer des Todes

Der folgende Teil wurde beim Briefing als “die Todeszone” bezeichnet: Eine sechs Kilometer lange Gerade ohne sichtbare Horizontlinie. Durch tiefen, losen Sand. In der prallen Sonne. Mitten am Tag. Der unebene Untergrund fordert unheimlich Kraft, mit jedem Fußaufsatz. Immer öfter sinkt man bis zu den Waden ein. Beim Blick zurück sehe ich die Französin in etwa zweihundert Meter Entfernung. Mal geht sie, mal laufe ich, mal läuft sie, mal gehe ich. So hangeln wir uns vorwärts. Kilometer um Kilometer verschiebt sich der immer gleiche Horizont über dem goldenen Meer des Sandes. Keine Bäume, keine Hügel und keine Wolken am Himmel, die das Auge ablenken. Es geht stumpf geradeaus.

Ich versuche, das Ganze spielerisch zu sehen, und erfreue mich an den waschbrettartigen Wellenmustern, vom Wind auf den Boden gezeichnet. Staubfeiner Sand, der wie ein Schleier über die Wellen getragen wird, legt sich über die Spuren der letzten Nacht: Abdrücke von Wüstenfüchsen, Gazellen, Hasen und Springmäusen… Wie gerne würde ich die Tiere sehen, die sich jetzt vor der Mittagshitze verstecken. Ich kann beides nicht. Ich wackel’ hin und her, auf und ab, versuche, jedem Sandhügel auszuweichen – was vermutlich mehr Kraft kostet als einfach hindurch zu stapfen. Gelegentlich verleiht das zarte Wurzelwerk kleinerer Büsche auf dem lockeren Boden ein bisschen Stabilität – vielleicht ist das aber auch nur Wunschdenken.

Die Zeit habe ich bisher völlig ignoriert, doch das Piepen meiner Garmin fenix 3 bei Kilometer 42 bekomme ich mit – ja man, die Marathon-Distanz ist bewältigt! Leider ist niemand da, mit dem ich mich freuen könnte. Die Französin habe ich irgendwann abgeschüttelt. Einzig die Sonne strahlt – auch nach dem “Death Valley”. Ich schwitze. Der Schweiß verdunstet. Zurück bleibt salzige, feuerrote Haut und dicke Arme. Meine Finger kann ich kaum bewegen, sie sind aufs Doppelte angeschwollen, was mich leicht beunruhigt…

Vorfahrt für den D(romedar)-Zug

Plötzlich entdecke ich auf freier Wildbahn unweit vor mir ein, zwei, drei, vier… Kamele. Oder sind’s Dromedare? Den Unterschied erkennt doch jedes Kind an den Höckern. Oder? Beim Näherkommen zähle ich immer mehr. Zirka zehn Tiere wanken von links auf meinen Weg zu, sind kurz davor, ihn zu kreuzen. Mir stockt der Atem beim Anblick dieser imposanten Wüstenschiffe. Nur noch etwa 20 Meter vor mir. Und nun? 

Soweit das Auge reicht… bin ich der einzige Mensch hier. Gefühlt sehr klein, leider nicht unsichtbar. Das “Anführer”-Kamel wendet den Kopf in meine Richtung. Ein riesiges Augenpaar trifft auf meins. Ich starre schnell zu Boden. Was macht man jetzt? Einbuddeln? Wegrennen? In welche Richtung? Ich möchte die Gruppe auf keinen Fall provozieren und bleibe still stehen. Guckt er/sie noch? Ich traue mich nicht, nach oben zu schauen, und werde gleichzeitig leicht sauer, dass Queen Mary & Co. mich jetzt am Weiterlaufen hindern. Man, zieht Leine, das hier ist Wettkampf, kein Hafengeburtstag! Ich will jetzt echt nicht rumstehen und warten, wie vor heruntergelassener Schranke, bis der lahmarschige Trampeltier-Zug vorbeigeeiert ist – hatte gerade so einen schönen Laufschritt gefunden. 

Wilde Tiere

Wie “wild” sind solche Tiere eigentlich? Und wandern die immer in einer Herde, oder ist irgendwo ein Hirte? Kann ihr Herrchen sie nicht eben schnell einsammeln? Warum ist die Strecke eigentlich nicht abgesperrt?! Ich lache wahnsinnig (gern) über mich selbst. Plötzlich bleiben alle wie auf Kommando stehen und gucken. Boah, ey. Mir reicht’s. Den Blick noch immer zu Boden, weiche ich nach links von meinem Weg ab und beginne, gaaanz laaangsam einen übertrieben großen Zirkel um den Trupp herum zu drehen… Meine Lippen pressen sich zu komischen Formen zusammen. Pfeife ich gerade? Obwohl mein Herz vor Unsicherheit rast, platzt es fast aus mir heraus – hahaha, wenn mich jemand sieht, wie ich hier auf Zehenspitzen durch den Sand schleiche… Hoffentlich sieht mich keiner! Oder bitte doch?! Wo ist die Polizei? 

Irgendwann bin ich an allen Hinterteilen vorbei und drehe langsam den Bogen wieder nach rechts in die Richtung von MEINEM Weg. Nach einer Weile riskiere ich den Schulterblick. Ich bin den Tieren völlig egal. Toll. Ich beginne wieder zu laufen. Kurz darauf beruhigt sich mein Puls, und ich ärgere mich – über mich und meine Hetze. Völlig uncool. Hier anzukommen bedeutet doch Ruhe, Frieden und Gelassenheit… sich selbst treiben lassen. Wieso habe ich mich nicht auf dieses romantische Idyll eingelassen? Im Grunde war es doch genau das. Eine wahrscheinlich einmalige Begegnung mit diesen exotischen Geschöpfen, die IHR Zuhause mit mir geteilt haben.

War diese Angst begründet? Beinahe vermisse ich die Tiere. Wie schaffen sie es, in so einer Umwelt zu überleben? Hier steht gerade ein einzelner, dorniger Baum im Gelände, ansonsten, soweit das Auge reicht, nur Sand gespickt mit niedrigen Büschen und dürren Gräsern, an denen sie niemals genug weiden können. Eine mögliche Antwort präsentiert sich mir an der nächste Abbiegung; ich passiere eine Serie von kleinen Wüsten-Seen mit reichlich Grün ringsum. Wie willkommen jetzt eine Abkühlung wäre! Doch das Wasser ist ebenfalls grün und Checkpoint Nummer 3 auch schon erreicht. 50km, Hälfte rum – endlich Menschen!

Zwischen CP3 und 4 – Dritte Frau im Sand mit neuer Rekord-Distanz

Von einer Zwei-Mann-Cheerzone werde ich mit der Nachricht empfangen, dass ich auf Rang 3 der Frauen liege. Ui, ein möglicher Treppchenplatz! Auch wenn mein Ziel immer ist, mich in erster Linie mit mir selbst zu messen (und mit bewusst niedrigen Erwartungen bin ich hier gestartet) – die Platzierung wird mich fortan im Kopf begleiten. Mein Plan bleibt, es weiter ruhig anzugehen; schließlich liegt noch einmal dieselbe Distanz von 50km vor uns allen. Doch ich bin nun irgendwie angeknipst…

Also, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, im Sand. Und davon gibt’s ab jetzt mehr denn je. Die “Todeszone” vorhin war nur das Vorspiel. Das Roadbook sagt bei KM60 “cross road leading to MosEspa after 10km of soft sand” und bei KM65 “Check Point 4 after 5km of soft sand”. Wenn man es in Abschnitte einteilt, klingt’s nach gar nicht so viel “soft sand”, doch das ganze Rennen besteht im Grunde daraus – und, ganz ehrlich, ich hab’ bei einem Wüstenrennen nicht wirklich etwas anderes erwartet.

Sand – isso.

Wie Mehl fließt der Sand durch jede Faser – ein weiches Polster in den Schuhen. Meinen Trailrunningschuh des Vertrauens, den Fujitrabuco Pro von ASICS, habe ich für diesen Lauf eine Nummer größer gewählt. Die Füße schwellen während der langen Zeit in der Hitze nämlich ordentlich an, hab’ ich mir sagen lassen. Zum Glück bleibt immer noch Spielraum für die Zehen. Wenig später hat sich der Sand allerdings auch durch meine Socken hindurch geschmuggelt, und die Reiberei fängt an zu nerven. Fiese Körner dringen durch jede Ritze. Wenn ich das Zusatzgewicht loswerden möchte, bleibt nur eine Lösung: Schuhe ausleeren (und Socken), mehrmals.

Meine Schenkel glühen, wie vom Grill. Es gibt hier draußen nichts außer Hitze – und davon ein bisschen zu viel. Aber auch das war von vornherein klar. Wichtig ist, die Temperaturen anzunehmen, nicht dagegen anzukämpfen. Auch beim Bikram Yoga muss ich mir das bei jedem Besuch aufs Neue sagen (übrigens ein essenzieller Baustein meines Trainings).

Ob Wüstenlauf-Premiere oder alter Hase im lockeren Sand – das Auf und Ab zehrt an aller Kräften. Nach dem Rennen erfuhr ich, dass die Mehrheit von denen, die das Rennen abbrachen, dies irgendwo auf den 15 Kilometern zwischen Checkpoint 3 und 4 tat. So auch ein Mitstreiter, der mir kurz vor KM60 signalisiert, beim nächsten CP auszusteigen. Ich biete ihm ein Gel an. Meinen Gedanken “ist doch nur noch ein Marathon” laut auszusprechen, spare ich mir.

60+

Während ich durch das weite Meer aus Sand cruise und das Laufen in dieser Umgebung genieße, passiere ich das Kilometer-60-Schild, es ist mit Leuchtstreifen beklebt, für alle, die erst in der Nacht hierher gelangen. Auch die Sandsäcke tragen ab hier fluoreszierende Klebestreifen. Mit einem Kloß im Hals realisiere ich (ein bisschen stolz), dass alles weitere eine neue “längste Distanz” für mich sein wird – ja man!

Ultra Mirage El Djerid - Wüstenläufer KM60
Credit © Quentin Doussaud​

KM65 – auf in ungewohntes Terrain!

Ich lasse meinen Allerwertesten auf den freien Plastikstuhl plumpsen und wiederhole auch an Checkpoint 4 die immer die gleichen Vorgänge. Meine Bewegungen beim Auffüllen der Vorräte werden zunehmend ungeschickter. Durch Wassereinlagerungen sind meine Finger, Hände und Unterarme mittlerweile auf das doppelte Ausmaß aufgequollen. Streckenweise laufe ich mit zum Himmel ausgestreckten Armen, in der Hoffnung, dass sie dadurch abschwellen. Die Haut ist heiß und spannt extrem. Mit Sicherheit platzt sie gleich an mehreren Stellen auf, und gelber Sipsch wird herausspritzen… Äh, CUT. Und Action – weiterlaufen! 

Kilometer 67,65: Ich traue meinen Augen kaum, doch erinnere mich an das Briefing. Ich hatte tatsächlich richtig gehört. Eine asphaltierte Straße! Wir queren sie nicht nur, sondern werden fortan auf ihr laufen! Für 11km! Mitten in der Wüste mitten im Nirgendwo. Meine Beine stellen auf Autopilot. Das ist genau ihr Ding. Asphalt = gewohntes Terrain. “Jipphiiiee!!”, hochjauchze ich und beginne zu rennen, federleicht, die Beine fliegen. Pace 4:00min/km, dann 3:45, 3:30… Läufer um Läufer überhole ich mit einem Lachen und wirbele wie der Wind Staub hinter mir auf. “Tuuuut, Tuut, Tuuuut” – CUT. 

F***! Fast hätte mich der LKW mit 180 Sachen erwischt – jedenfalls unsanft aus meinen wirren Träumen gerissen. Die Wahrheit ist: Alles andere als rennend taumele ich mitten auf der schier endlosen Piste vor mich hin. Was rennt, ist mein Schweiß. Den Staub hat einzig und allein dieser weiße PickUp aufgewirbelt, der nun am Horizont verschwindet.

Straßenlauf

Der Asphalt flimmert im gleißenden Sonnenlicht. Eey, was’ los?? Das ist doch wirklich genau dein Ding! Los jetzt. Zieh’ an. Doch mein Stecker ist gezogen. Vor meinen Augen eine lange Gerade – die Meilen scheinen unendlich… Quasi mit Betreten des Asphalts habe ich aufgehört zu laufen. Meine Beine scheinen beschlossen zu haben, dass Stehenbleiben, vielleicht ein bisschen Gehen, eine gute Alternative ist. Bitte was?? Jetzt?? Mitten auf der heißen Asphaltstraße? Vorbei die Dünen. Hey, hier sollte ich rennnnen, endlich die Beine fliegen lassen. Buff, ich bin platt. Da helfen alle positiven Selbstgespräche nix. Über mir kreisen Geier – oder irgendwelche anderen Vögel, die so tun als ob. Ich lächele und pfeife irgendwas vor mich hin – damit sie mich nicht für ein totes Opfer halten. Ich glaub’, ich spinn’. 

Doch kurz darauf wandert meine Aufmerksamkeit weg von den Vögeln in der Luft, hin zu etwas näherem: zwei Hunde, die nicht weit vor mir parallel zur Straße laufen. Shit. Wie ist das hier in Tunesien mit wilden Hunden? Und wieso bin ich schon wieder ganz allein? Vor einiger Zeit konnte ich in der Ferne noch ein paar Läufer erkennen, jetzt niemanden, außer der Hunde. Naja, hinsetzen und jammern ist keine Option, also weiterlaufen. Den Blick zu Boden, als würden sie mich null interessieren, trabe ich die Straße entlang. Mein Herz rast, als sie anfangen zu bellen und auf mich zulaufen. Zum Glück bleibt’s dabei. Sie bleiben stehen und schauen mir kläffend nach. 

Unmotiviert trotte ich nun am Rand der Asphaltstraße, die in der flirrenden Hitze schon nach ein paar hundert Metern nahtlos in Luftspiegelungen übergeht. Mein wertvollster Begleiter ist heute und besonders jetzt meine Sziols. Die Augen sind entspannt. In der Luft schwebt erneut ein kleiner Lastwagen, der irgendwann mal Gegenverkehr sein wird. Viel Verkehr gibt es aber nicht. Einerseits bin ich enttäuscht, dass es gerade nicht läuft, doch ein Großteil des Weges ist gemacht, und ich nehme es an und gönne mir ein paar Schritte Pause. Beiderseits des Straßendamms sollen flache Zäune verhindern, dass der Wind den Saharasand über die Straße weht. Während ich in einen Gehen-Laufen-Gehen-Rhythmus verfalle, werden die Schatten länger.

Ich hänge meinen Gedanken nach, als plötzlich Lärm von hinten kommt. Der Mann mit dem Lautsprecher! Zusätzlich zur Musik trägt er eine Dose Salzpellets mit sich herum. Die Tabletten rasseln wie wild und schrecken drei am Wegesrand vor uns liegende Dromedare auf. Sie springen ruckartig doch etwas ungeschickt auf und stolpern davon. Er ruft mir ein “BVB, Borussia, super!” zu (liegt nahe, ich trage ein gelbes T-Shirt…) und läuft an mir und dem fliehenden Dromedar-Trio vorbei.
Die Temperatur sinkt. Irgendwann rollt es auch bei mir wieder, und der Moment meiner Ankunft am fünften und letzten Kontrollpunkt hat etwas Magisches. 80 Kilometer geschafft. Am Horizont zieht eine Herde Dromedare vorbei in den Sonnenuntergang, ein herrliches Bild. So habe ich mir die Sahara vorgestellt und bin doch überwältigt.

Ab KM80 – better together, zusammen sind wir stark

Ultra Mirage El Djerid Checkpoint 5 liegt auf einem kleinen Hügel, zwei Kilometer abseits der Straße. Hier treffe ich auf Stephane und Saoud. Der ultra-erfahrene Lyoner und auch der “Best Sénior” des Vorjahres hängen auf zwei Plastikstühlen, wie zwei Boxer in der letzten Rundenpause. Erschöpft lümmel’ ich mich dazu. Unsere Wege kreuzten sich im Laufe des Rennens bereits ein paar Mal – fortan würden wir gemeinsame Sache machen. Noch 20! Die Salzpanade an meinem Körper knistert und rieselt leise zu Boden, während ich ein letztes Mal meine Vorräte auffülle.

Dann werden die Schirmmützen verstaut, und wir streifen stattdessen Lampen auf die Stirnen. Bereit, in der Nacht zu rennen. Ich freue mich auf Begleitung, froh, nicht allein zu sein im unbekannten Dunkel der Wüste. Die Abendsonne ist noch warm, somit bleiben die Jacken im Rucksack. “Third woman! Third woman!” Lächelnd winke ich der (haaach so süßen!) Checkpoint-Crew zum Abschied, gar nicht sicher, ob ich diesen dritten Platz noch lange halten kann. Die Jungs sind da ganz zuversichtlich, und ihre Gesellschaft tut mir gut. 

Unser (mal mehr, mal weniger flotter) Dreier

Wir schlagen ein schnelles Tempo an, und die nächsten Kilometer des Ultra Mirage El Djerid vergehen gutgelaunt. Doch irgendwann zieht Müdigkeit einen Stecker nach dem anderen. Ich weiß nicht, wer zuerst zaghaft “a bit slower?” fragt. Fast erleichtert bremsen alle ab. Die Füße wollen kaum noch vom Boden, und mit der Schrittlänge verkürzt sich auch unsere verbale Kommunikation. Was man bisher auf der Strecke noch als durchdachten Satzbau bezeichnen konnte, beschränkt sich jenseits der 80km auf Wörter wie “Puuuh”. Ich schnaufe laut auf. “Uff” erwidert Stephane, und kurz darauf trägt Saoud mit “Aiaiai” zur Unterhaltung bei.

An einem Punkt sind wir uns alle einig, dass ein bisschen Spazierengehen doch auch ganz nett und jetzt eine gute Alternative ist. Was braucht es vieler Worte? Wir hören die Stille der Wüste. Die Abgeschiedenheit im Wüstensand wirkt. Ich bin ganz bei mir und im Team mit meinen Mitstreitern. Drei Seelen im großen Jenseits – in Harmonie nebeneinander schlurfend beim Ultra Mirage El Djerid. 

Laufen, abbremsen, gehen, laufen, abbremsen, gehen… Mit einem ächzenden “F***” bestimmt immer eine(r) den Tempowechsel, die anderen zwei stimmen stöhnend mit ein. “Shit”, links, rechts, “OMG”, links, rechts. Irgendwie berührend. Ich bin total im Arsch. Doch aufs Treppchen kommt man nicht im Spaziergang, sage ich mir und pushe mich (und somit auch die Jungs) vorwärts. Durch unser Teamwork zählen diese härtesten Kilometer für mich zu den besten des ganzen Rennens. Merci, Saoud! Merci, Stephane!

Über uns strahlen Lichterketten aus tanzenden Sternen, und unten leuchten wir.

Unsere Stirnlampen sind mittlerweile angeknipst, zusätzlich die gelben Knicklichter, die wir vom Veranstalter bekommen haben. 

“Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben leuchten die Sterne, hier unten leuchten wir. Ich trag mein Licht und fürcht mich nicht. Rabimmel, Rabammel, Rabumm.”

Wie Glühwürmchen, die Partner auf sich aufmerksam machen. Ich wage kaum, mich umzudrehen. Das nächste Glühwürmchen hinter mir ist 100%ig eine Frau, mir dicht auf den Fersen! Bei KM90 laufen wir in einem ausgetrockneten Flussbett. Ich fühle mich selbst wie eins, doch ich will schneller, fühle mich verfolgt… Ich möchte den Ultra Mirage El Djerid mit der Gewissheit beenden, alles gegeben zu haben. Als wir nach KM95 die Salzseen verlassen und durch die Sanddünen Richtung MosEspa abbiegen, erlaube ich mir schon längst kein Abbremsen mehr. Ich bringe das Rennen jetzt allein zu Ende. 

Meine Stirnlampe fokussiert ein paar Meter vor mir. Ihren Kegel habe ich gedimmt, um die Magie der nächtlichen Wüste möglichst intensiv zu spüren. Die endlose Dunkelheit um mich herum. Eingetaucht in eine Welt der Gedanken, die ständig ihre Richtung ändern. Ich will endlich ankommen und doch immer so weiterlaufen. Nicht aufhören!

Ein Wüstenuhu, der im Kegel meines Scheinwerfers aufflattert, holt mich zurück auf die Strecke. Weit entfernt vernehme ich Rufe, erahne Motorengeräusche, Zivilisation. Auch wenn das Ziel noch nicht in Sicht ist, ist es doch spürbar. Das sind die letzten Schritte hier. Inmitten der Dünen kriege ich Gänsehaut. Aus dem dunklen Nichts taucht plötzlich ein Quad auf. Ich bin geblendet vom Scheinwerferlicht. Der Fahrer lacht und ruft und hupt, und ich biege um eine letzte Düne…

…auf den Zielbogen zu. 

KM100 und ein bisschen… Finish am Ultra Mirage Village

Das Camp liegt im Dunkeln, und doch ist überall Licht. Und Jubel. Zurück von der 100km langen Schleife scheint alles irgendwie unwirklich, völlig anders als heute Morgen. 13h24 sind vergangen. Rennleiter Amir nimmt mich in seine Arme und hängt mir persönlich die Finisher Medaille um. Er gratuliert mir zu einem starken Rennen – 12. insgesamt und 3. Frau beim Ultra Mirage El Djerid. Um mich herum Applaus. Geschafft. Mehr kann ich grad nicht denken, grinse nur wie ein Honigkuchenpferd.

Ich werde zum Finisher-Zelt begleitet, von der medical crew umsorgt. Ich verteile High Fives an Läufer, die bereits auf dem mit Teppichen ausgelegten Boden dösen, bevor auch ich alle Viere von mir strecke. Den Kopf voller Bilder und intensiver Emotionen träume ich selig und erschöpft vor mich hin. Ein ganzer Tag in der Wüste. Einer meiner besten Tage als Läufer. Immer wieder kommen Menschen, um mir zu gratulieren und sich zu erkundigen, wie es mir geht. Och, hier liegend sehr gut.

Ab ins Bett, sofort!

Irgendwann sitze ich mit einem Dutzend anderer Finisher im Bus zurück zum Athletenhotel. Neben mir Andrey, der russische Läufer. Seine Musik ist mittlerweile verstummt, doch er hat noch sehr viel Energie zum Reden. Ich mag ihn, auch wenn ich zu unserer Unterhaltung kaum mehr als Nicken oder Kopfschütteln beitragen kann.

Zurück im Hotel Ras El Ain habe ich tierischen Hunger. Extra für uns Läufer ist die ganze Nacht hindurch ein Buffet im Speisesaal aufgebaut, doch von Müdigkeit übermannt will ich nur noch ins Bett. Dummerweise habe ich meinen Schlüssel heute Morgen im Zimmer vergessen. An der Rezeption warte ich auf den Concierge. Irgendwie ist mir auch schlecht. Ich bin so platt, dass ich mich an einer Säule auf den kalten Steinboden der Empfangshalle rutschen lasse. Dabei bemerke ich nicht, dass ich mich auf meinem Rucksack mit der Trinkblase breit mache und sich das restliche Wasser unter mir verteilt. Als der Mann mit dem Schlüssel kommt, rappel ich mich mit nasser Hose auf. Mein Rucksack tropft weiter. Ich will die Pfütze aufwischen, doch kann mich kaum aufrecht halten. 

Der Weg zu meinem Zimmer entlang der Poolanlage will nicht enden. Ich versuche, mit dem Schlüssel-Mann Schritt zu halten. Meine Augenlider fallen immer wieder zu. Endlich angekommen, dusche ich meinen immer noch angeschwollenen Körper, creme vorsichtig die belastete Haut und krieche mit knurrendem Magen zwischen die Kissen. Over and out.

The day after Ultra Mirage El Djerid – Party on!

Es ist bereits Nachmittag. Die festliche Siegerehrung, zu der sich fast alle Läufer am Mittag im Garten des Athletenhotels versammelt haben, klingt nach und nach aus. 

Noch lange nach der Zeremonie blicke ich andächtig auf den mit schweren Schurwollteppichen ausgelegten Rasen unter meinen Füßen. Die warmen Farben der Stoffe leuchten im Sonnenlicht, das durch die Palmblätter tänzelt: kräftiges Rot, Braun und Orange, verziert mit geometrischen Motiven, Rauten und Zacken. Die Bedeutung der Symbole kenne nicht – welchen Wert hingegen der gestrige Tag für mich hat, spüre ich umso deutlicher an dem heftigen Pochen in meinem Brustkorb, wenn ich an das Rennen durch die Sahara zurückdenke.

Ich war gekommen, um die Wüste zu entdecken. Ich wusste, dass es schwierig sein würde. Welch’ eine Ehre wurde mir hier zuteil! Demütig durfte ich einen Tag lang Teil dieser grandiosen Szenerie und Weite sein. Meine Fußspuren sind heute weggeweht, doch die Erinnerungen nehme ich mit. Dankbar für die Erfahrungen, die ich im Zuge dieser Reise sammeln durfte, gerührt von der Herzlichkeit der Menschen. 

Relax

Ich schlendere mit Andrea an den Pool. Das Nachmittagslicht wiegt sich sanft auf den Wellen, während wir unsere Füße ins kühle Nass tauchen. Stolz tragen wir unsere Finisher-Shirts. Natürlich hat auch sie ihr Rennen souverän und so wie ich sie kenne stets mit einem Lächeln im Gesicht durchgezogen (ihren Erlebnisbericht lest ihr auf ihrem Blog runninghappy.de). Wir tauschen uns aus, voll Euphorie und erstaunt darüber, wie gut es uns heute geht. Immer wieder bittet jemand um ein Foto. Mit Erreichen eines Treppchenplatzes hat man hier fast Promi-Status. “Champion” werde ich genannt, das ist so lustig! 😀 Das prachtvoll gedeckte Buffet, von hungrigen Läufern mittlerweile geplündert, zierte neben vielen lokalen Köstlichkeiten eine große Torte mit den Vornamen der drei Läuferinnen und Läufer, die aufs Podium gerannt sind.

Der Marokkaner Rachid El Morabity hat das Rennen mit neuem Streckenrekord von 08:21:29 gewonnen, erste Frau wurde Bouchra Loundgren Eriksen aus Dänemark in 11:50:54. WOW! Beim UMED gibt es für Platz 1, 2 und 3 ein Preisgeld – für Frauen und Männer identisch. Die Renn-Organisation macht sich stark für Chancengleichheit im Sport.

70% der Starter konnten das Rennen finishen (Ergebnisse des Ultra Mirage El Djerid). Für mich sind alle Sieger, die sich dieser Herausforderung überhaupt gestellt haben. Und wer das Abenteuer Wüstenlauf einmal ausprobieren möchten: Ab 2020 bietet der Ultra Mirage El Djerid auch eine 50km Strecke an: „Wild Thing“ heißt die nächste Edition. Also, worauf wartet ihr? Make your heart sing! Schließt euch der großartigen Ultra Mirage-Familie an!

Dies ist ein persönlicher Bericht über mein Wüstenrennerlebnis. Danke Tunesien, danke Ultra Mirage El Djerid! Vor dieser Reise erinnerte ich mich nur dunkel an dieses nordafrikanische Land – als kleines, blondes Mädchen auf Familienreise… Vieles hat sich in 30 Jahren verändert. Ich hatte vor Rennbeginn zwei Tage Zeit vor Ort und die Chance, einen neuen Einblick in Land und Leute zu bekommen – ein separater Blog-Eintrag folgt.

*Ultra Mirage El Djerid – Equipment

Ultra Mirage El Djerid - Equipment

Beim UMED gehört Folgendes zur obligatorischen Ausrüstung: 

  • Rucksack
  • mindestens 2 Liter Flüssigkeit
  • Erste-Hilfe-Decke
  • Notfallpfeife
  • Feuerzeug
  • Stirnlampe
  • Reisepass
  • Startnummer (1x von vorn sichtbar an der Kleidung, 1x auf der Rückseite des Rucksacks)
  • ein Tracking-Gerät, um den Aufenthaltsort in der Wüste nachzuverfolgen.

Unerlässlich ist zudem Sonnenschutz und eigene Verpflegung. Ich habe Scheiben für besonders starken Blendschutz auf meine Sziols Sportbrille gesteckt und den Kopf mit einer weißen Schirmmütze bedeckt. Zur Energiezufuhr habe ich alle 15 Kilometer ein Maurten Gel gelutscht und zusätzlich an den VPs mein Wasser mit Maurten Drink Mix vermischt. An jedem VP habe ich 3,5l Wasser aufgefüllt und ein paar Schlücke Cola getrunken (ja, ich hab‘ gesoffen wie ein Kamel).

Essenziell sind solide Trailschuhe (wie z.B. meine ASICS), eine Nummer größer als gewohnt – und beim nächsten Mal werde ich darüber richtige Wüstengamaschen tragen…

Ja, es wird bestimmt ein nächstes Mal geben! 🙂