Want it too much? Über die Qual der Wahl des richtigen Zeitpunkts für ein ComeBack nach einer Verletzung. Mein Abenteuer 32. Schweriner Fünf-Seen-Lauf…

Schweriner Fünf-Seen-Lauf / D-Day: 02.07.2016

Samstag, 4 Uhr früh. Mein Wecker klingelt. Ich schlurfe zum Sofa und lege mich dort wieder hin. “Du darfst das nicht tun!” Mein Gewissen quält mich… Ich dusche und versuche einen klaren Kopf zu bekommen. “Wenn du das jetzt machst, waren die letzten zwei Monate für die Katz’!” 

Um kurz nach 5 radel’ ich die Reeperbahn entlang. Es regnet. “Dreh’ um und geh’ wieder ins Bett, wie es all die Nachtschwärmer hier nun auch machen!” 

Um kurz nach 6 sitze ich im Zug und esse eine Banane. Ich genieße die Ruhe um mich herum und hänge meinen Gedanken nach.

Schweriner Fünf-Seen-Lauf – was zuvor geschah

Seit sechs Wochen pausiere ich mit dem Laufen aufgrund einer Entzündung beider Achillessehnen. Ich kann den Satz selbst nicht ganz glauben, während ich ihn schreibe – 6 Wochen!! Zuvor war ein einziger Tag ohne Laufen für mich ein Graus. Rest Days, Cheat Days… wie auch immer man diese Pausen-Tage auch nennt, es gab sie für mich nicht. Alternativtraining immer on top, nie statt dessen. Ob das so richtig ist, sei mal dahingestellt. Ich habe nie gespürt, dass mein Körper nach einer Pause verlangt, im Gegenteil – ich will aktiv sein, mich fordern, jeden Tag ein bisschen höher, schneller, weiter – immer etwas besser als gestern. 

Dies’ ist meine erste Verletzung, und ich kann den Zeitpunkt gar nicht mehr ausmachen, wann die Schmerzen begannen. Auf jeden Fall habe ich sie zu lange ignoriert (“Das bisschen…”) und mich eine zeitlang selbst betrogen: “Ich ziehe jetzt 2 Wochen Laufpause durch” – um im Zuge dessen das übrige Training um 100% hochzuschrauben…

Nun sind die Schmerzen chronisch, und ich stehe doof da. Mein größter Wunsch ist, dass alles wieder in Ordnung ist, daher verbiete ich mir seit Anfang Juni jeden Lauf und jegliche Hüpferei. Bis heute habe ich durchgehalten.

Schweriner Fünf-Seen-Lauf – Anreise HH -> SN

Nun bin ich auf dem Weg nach Schwerin zum Fünf-Seen-Lauf, der “mit über 3000 Finishern größten Laufveranstaltung im Nordosten Deutschlands” – und ich fahre nicht als Zuschauer nach Mecklenburg-Vorpommern. 

Letztes Wochenende hat es mir wieder fast das Herz herausgerissen, weil ich vernünftigerweise meinen Startplatz beim Hella Halbmarathon in Hamburg verfallen lassen habe und (nur) als Zuschauerin an der Strecke stand. 

Hattet ihr schon mal richtig heftig Liebeskummer? Dieses Gefühl das einem die Kehle zuschnürt? Klingt kitschig, aber so geht’s mir manchmal, wenn alle Welt am rennen ist und ich auf Yoga und Bankdrücken ausweiche. Laufen ist durch nichts zu ersetzen! 

Ich liebe das Laufen, bedingungslos – Olli weiß das und mag mich trotzdem – oder gerade deswegen: Wenn ich Laufen kann, bin ich ausgeglichen – “ein gesunder Geist in einem gesunden Körper”. 

Pünktlich um 07:45 Uhr steige ich in Schwerin Mitte, eine Station vor dem Schweriner Hauptbahnhof, aus und schlendere mit ein paar anderen Läufern Richtung Bertha-Klingberg-Platz, wo heute alle drei Rennen gestartet werden (10km, 15km und 30km).

Schweriner Fünf-Seen-Lauf – vorm Start

Um kurz nach 8 erhalte ich meine Startunterlagen für die Königsdistanz, natürlich die volle Strecke – ich bin verrückt! 30km?! Was denke ich mir hierbei eigentlich? In den letzten 6 Wochen bin ich keine 3km gelaufen… 

Der Schweriner Fünf-Seen-Lauf ist Mit-Veranstalter des Drei-Länder-Cup’s norddeutscher Erlebnisläufe – unter dem Motto “City, Seen und Berge”. Ebenfalls dazu gehören der Celler Wasa-Lauf und der Wernigeröder Harzgebirgslauf. Beim Wasa-Lauf durch die Fachwerkstadt Celle konnte ich mir im März über die 20km den 3. Gesamt-Platz bei den Frauen (1. in meiner AK) in 1h21 sichern. Heute wird’s langsamer. 

Ich mache ein paar Dehnübungen und beobachte die Läufer, die nun nach und nach auf den Platz an der Peripherie des Schweriner Schlossgartens kommen. Meinen Rucksack habe ich am 30km-LKW abgegeben (für jeden der drei Läufe steht ein LKW zur Verfügung, der die Kleiderbeutel zum Ziel am Nordufer des Lankower Sees fährt). 

Ich trage meine Lieblings-ASICS-Klamotten in Königsblau, passend zur Kulisse rund um das Märchenschloss und der Wasserlandschaft Schwerins. Die Strecke wird mich heute an den fünf Seen Schweriner See, Fauler See, Ostorfer See, Neumühler See und dem Lankower See vorbeiführen; insgesamt befinden sich zwölf Seen innerhalb des Stadtgebietes. Es regnet schon den ganzen Morgen, und so wird’s auch bleiben. Viele freuen sich darüber, denn im letzten Jahr war der Lauf wohl eine heftige Hitzeschlacht.

Der Mann mit dem Mikro spricht herzlich und in einer Tour. Mehrfach weist er die Teilnehmer darauf hin, wie der Chip-Streifen am Schuh zu befestigen ist (unbedingt quer, nicht längs!). Die Nettozeitmessung mit Einweg-Fußchip ist eine Neuerung im 32. Jahr dieser Traditionsveranstaltung. 

Beim Betreten des Dixie-Clos wird mir kurz schwindelig. Schlafmangel macht sich bemerkbar. 

Der 10km Lauf wird als erstes gestartet, vorher machen alle Starter noch mal “die Welle”. Um 09:20 Uhr sind wir 30er dran. Ich stehe kurz hinter der Startlinie, an die LKW-Tribüne gelehnt, und beobachte meine Mitstreiter. Der Mikrofon-Mann sagt, dass er sich besonders über das starke weibliche Teilnehmerfeld freut. Zählt er mich dazu? Haha. Heute ganz bestimmt nicht. Ich erkenne ein paar Gesichter. 

Normalerweise würde jetzt ein heftiges Kribbeln durch meinen ganzen Körper wuseln, doch Wettkampfstimmung kommt an diesem Tag in mir nicht auf. Wem sollte ich etwas beweisen wollen? Ich bin komplett untrainiert (nur meine Arm-Muckis können eine starke Entwicklung vorweisen). Sogar auf das Einlaufen habe ich verzichtet, aus Angst, ich könne das Laufen komplett verlernt haben. Wieso habe ich nicht einfach in Hamburg eine kleine Runde gedreht? Allein, vielleicht im Dunkeln, wo mich keiner sieht und mit mir schimpfen kann… Ich verarsche mich schon wieder selbst.

Mir ist bewusst, dass man als Athlet (wenn auch nur als kleines Licht) eine Vorbildfunktion hat, besonders wenn man eine Marke repräsentiert, wie wir ASICS Frontrunner das tun. Wir sollten ganz genau wissen, was vernünftig ist und wie man sich (bei Schmerzen) als Sportler zu verhalten hat. Ich glaube, Wissen tun die meisten von uns sehr viel, aber wir sind auch alle Läufer mit Herzblut und aus Leidenschaft, und zumindest bei mir heißt “ich weiß” noch lange nicht immer auch “ich kann”. Einer der schwersten Kämpfe, die ich gerade führe, ist zwischen dem was ich weiß und dem was ich fühle.

So, Klappe. Wir starten. 

Schweriner Fünf-Seen-Lauf – auf der Strecke

Entlang der Promenade umrunden wir zur Hälfte den Burgsee, laufen über Kopfsteinpflaster am Schlossgarten vorbei und biegen schließlich links auf den Franzosenweg und durch die bewaldete Uferzone des Schweriner Sees ein. 

Recht schnell treffen wir auf die Läufer der 15km-Distanz, die vor uns gestartet sind. Ich merke, dass ich wieder einmal zu schnell losgelaufen bin – soviel zu “ich bin nicht im Wettkampf-Modus”… Bei Kilometer 4 biegen die Mittelstreckler ab. Am Zippendorfer Strand sehe ich zum ersten Mal ein Hinweisschild: “noch 25km”. Meine Beine fühlen sich ok an. Auf ihnen liegt heute mein Haupt-Fokus. Um mich herum immer wieder dieselben Gesichter, mal vor mir, mal neben mir, mal hinter mir. Man findet sich. Wir haben ein ähnlich hohes Tempo. 

Ich werde gefragt, in welcher Altersklasse ich laufe. Huch, doch ein bisschen Wettkampf-Kribbeln?! Da bei dieser Veranstaltung nicht die AK-Liste des DLV verwendet wird, muss ich kurz überlegen. Ich laufe in der Wertungsklasse WK 2w (das sind die Jahrgänge 1972-86, F30, F35 und F40), aber mir ist das heute egal. Ich laufe endlich wieder. Für mich. 

Auf der Zugfahrt habe ich das Buch “My fight, your fight” von Ronda Rousey angefangen. An einer Stelle sagt sie “It is one thing to fight other people, but fighting yourself is different. If you’re fighting yourself, who wins? Who loses?” Die Entscheidung hier anzutreten, war ein Kampf zwischen Herz und Hirn. Ich hoffe, sie bricht mir nicht das Genick. 

Nun geht es einen Waldweg entlang. Der Boden ist aufgeweicht und matschig vom vielen Regen. Ich habe die falschen Schuhe an – jetzt wäre ein Trailschuh Gold wert! Als wir über eine langgezogene Wiese laufen, kommen Erinnerungen an die Harzquerung auf. 

Ich liebe es hier draußen! Immer wieder ist ein Mann mit einem GutsMuths-Rennsteiglauf Stirnband neben mir. Diesen Crosslauf möchte ich auch mal mitmachen. Ich bin versucht, mich mit ihm darüber zu unterhalten, aber wir rennen weiter. 

Ich genieße es, doch ganz abschalten kann ich nicht, zu groß ist die Sorge um meine Sehnen. Kein Flow, kein Runner’s High stellt sich ein. Als wir das Hinweisschild “Schweriner Fünf-Seen-Lauf – noch 18km” passiert haben, knicke ich ein. Mein Kopf knickt ein. Ich denke an die 18 und daran, dass ich jetzt gern schon 18km gelaufen wäre und nicht erst 12. Jetzt merke ich meine Beine – kein Schmerz sondern Müdigkeit. Die Euphorie der ersten Kilometer hat mich meinen aktuellen Trainingsstand vergessen lassen. 6 Wochen kein anständiges Ausdauertraining, keine intensive Beinbelastung, fast ausschließlich geblackrollt. 

Ich werde überholt. Es ist ok. Hier und heute geht es mir um keine Platzierung.

Unsere Strecke führt nun an Bauernhäusern und historischen Gebäuden vorbei und am Ufer des Stör-Kanals entlang, über den der Schweriner See in die Nordsee fließt. Nicht umsonst schreibt die Runner’s World: “Einmal im Leben muss man beim Schweriner Fünf-Seen-Lauf mitgelaufen sein, denn die Streckenführung im Schweriner Seenland ist einmalig schön.” Tatsächlich bekommt man hier eine wunderbare Palette von landschaftlicher Kulisse und Streckenprofil geboten.

Weiter geht es im Zick-Zack-Stil. Die Helfer an den einzelnen Verpflegungsstellen empfangen jeden Läufer ausgesprochen herzlich. Ich greife, was es zu greifen gibt: Zitronen-Tee, Wasser, Banane… 

Mittlerweile bin ich klitschnass. An einer Holzbrücke meldet ein junger Streckenposten jedem einzelnen der ca. 3.000 Läufer “Vorsicht rutschig – und viel Spaß!”. Irgendwann kommt dann auch das “Schweriner Fünf-Seen-Lauf – noch 12km” Schild. Yes! Normalerweise würde ich das Tempo jetzt anziehen. 12 Kilometer sind nichts! Es fällt mir schwer. 

Als wir den Schweriner Kletterwald passieren, habe ich Lust, mich in die Höhe und über den Parcours zu schwingen, vielleicht auf der Schwebebahn kurz die Beine baumeln lassen. Doch weiter geht’s. Fauler See, Ostorfer See. Wann immer wir eine Straße überqueren, hat die Polizei die Strecke perfekt abgesichert. Auch der Nahverkehr ist betroffen und nimmt Rücksicht auf uns Läufer. 

Im hügeligen Endmoränengebiet, 2,5 km vor dem Ziel, gibt es die letzte Wasserstelle, und dann kommt ein besonderes Markenzeichen des Fünf-Seen-Laufs: “der Pickel” oder auch “die Hölle des Nordens” – ein nur 30m hoher, aber steil aufragender Hügel in den Lankower Bergen. 

Entkräftet bewältige ich den letzten Anstieg und sehe, von der Höhe der einstigen WM Motocross-Strecke, im Naherholungsgebiet am Nordufer des fünften Sees: das Ziel. Lächelnd aber konditionell erschöpft biege ich auf die Zielgerade ein, die gesäumt ist von klatschenden, jubelnden Menschen. 

Schweriner Fünf-Seen-Lauf – im Ziel

Das Geschehen hinter der Ziellinie nehme ich kaum wirklich wahr. Ein paar Läufer haben blankgezogen und nutzen die Freiluftdusche. Ich hole meinen Rucksack von der Wiese und mache mich in Gedanken versunken auf zur Sporthalle oberhalb des Zielgebiets. 

Während mir die warme Dusche den Dreck von den Beinen spült, versuche ich den Lauf zu verarbeiten. Ich bin hin- und hergerissen zwischen der Freude, wieder gelaufen zu sein, und einer tierischen Angst um meinen Körper. “Hat sich das jetzt gelohnt?” Mein (schlechtes) Gewissen ist natürlich auch mitgekommen. 

Nur kurz überfliege ich die Ergebnisliste zum Schweriner Fünf-Seen-Lauf. Auch wenn ich mit meiner Zielzeit von 2h23 in den Top10 der Frauen aufgeführt werde (2. in der F35, 4. in der WK 2w), ist mein Lauf nichts, auf das ich stolz sein kann. Im Grunde war die ganze Aktion nur ein Zeichen von Schwäche. 

Ich möchte schnell nach Hause, beglückwünsche noch kurz ein paar Läufer, bedanke mich bei einigen Helfern für die wirklich großartige Organisation, schnappe mir einen Apfel und mache mich dann direkt auf den Rückweg zum Zug nach Hamburg, will meine Sprunggelenke so schnell wie möglich wieder in Quark packen und meine Beine ausrollen.

Ob es für sie tatsächlich “die Hölle des Nordens” war, werde ich voraussichtlich bald zu spüren bekommen. Mit Sicherheit habe ich einen Fehler gemacht. Doch wie heißt es noch gleich? Egal wie oft dein Kopf sagt “Lass es”. Wenn du verliebt bist, rennst du lachend in die Kreissäge… 

Schweriner Fünf-Seen-Lauf – Epilog und Überblick

War das nun eine Comeback Story?!
Es war ein Warten auf den Schmerz mit jedem Schritt. Nervosität, Angst und Aufregung wie bei keinem Lauf zuvor. Bei mir gesellen sich Sturheit und Ungeduld oft zu meinem Brennen fürs Laufen. Zum Glück war diese Mischung nach der langen Pause und Zeit der alternativen Trainingsmethoden eine gesunde – und es läuft seitdem wieder. 🙂

Mittlerweile gibt es beim Schweriner Fünf-Seen-Lauf die 30km-Distanz nicht mehr. Zur Wahl stehen fünf Laufstrecken: 21,1km (HM), 15km, 10km, 5km und eine Seemeile (1.852m, für Kinder bis 12 Jahre). 

Mittels der Kombiwertung “10+HM” hat man trotzdem die Gelegenheit, auf 30+ Kilometern die schöne Landschaft abzulaufen. Dazu nimmt man nach Absolvierung des 10-km-Laufs (Start 9:30 Uhr) die Halbmarathonstrecke (Start 10:45 Uhr) zusätzlich in Angriff. Die addierten Zeiten kommen in die Kombiwertung; die beiden Einzelstrecken werden ebenfalls gewertet.

Und wer noch länger laufen mag, probiert vielleicht die “Große Seenrunde 61km” im Rahmen des Schweriner Seentrails aus. Gut möglich, dass wir uns sehen. 🙂

SCHWERINER FÜNF-SEEN-LAUF: 30 UNVERGESSLICHE KILOMETER 5